Als Prototyp einer „Stadt in Europa“ haben der Litauer Tomas Venclova und der Pole Czesław Miłosz das multikulturelle, plurireligiöse und vielsprachige Vilnius/Wilna/Vil’na/Vilne beschrieben, zugleich aber gezeigt, dass hier die nationalen Ansprüche von Litauern, Polen und Weißrussen hart aufeinander prallten.(1) Karl Schlögel hat dies in die Formel vom „Horror einer schönen Stadt“ im osteuropäischen 20. Jahrhundert gefaßt.(2) Mit Blick auf die Zwischenkriegszeit ist damit vor allem die Wilna-Frage, d. h. der Konflikt um das sogenannte Wilna-Gebiet, zwischen den 1918 wiedergegründeten Nachbarstaaten Litauen und Polen gemeint, den Polen 1920 für sich entschied – mit der Folge, dass Kaunas/Kowno/Kauen zur provisorischen litauischen Hauptstadt wurde.(3) Der Hitler-Stalin-Pakt führte im September 1939 zur sowjetischen Besetzung Wilnas, aber auch zur von Stalin dekretierten Rückübertragung der Stadt an Litauen wenige Wochen später. Dieser Zustand währte indes nur einige Monate, da die Sowjetunion sich Litauen mit Vilnius im Sommer 1940 einverleibte.
Der „Horror einer schönen Stadt“ betraf aber auch und gerade das „Jerusalem des Ostens“, das jüdische Vilne als religiöses und kulturelles Zentrum der ostmitteleuropäischen Judenheiten.(5) Hier gründete Simon Dubnow 1925 das europaweite Wirkung entfaltende Yidisher Visnshaftlekher Institut (YIVO), das seit 1940 in New York als YIVO Institute for Jewish Research fortgeführt wird. Aber hier war zugleich die Wirkung des Holocaust eine verheerende.(5)
Der ostmitteleuropäische Erinnerungsort „1940“, dessen 70. Wiederkehr ins laufende Jahr 2010 fällt, stellt eine Verdichtung und Überschneidung unterschiedlicher Prozesse dar: Die kulturelle Blüte jüdischer Kultur und Wissenschaft im polnischen und dann litauischen Wilna endete abrupt und brutal; der 1918 neu gegründete litauische Staat gewann zwar Vilnius als Hauptstadt zurück, verlor aber umgehend seine Staatlichkeit; ganz Litauen und Ostpolen wurden zwangsweise in die Sowjetunion eingegliedert; und Litauer, Polen, Juden und Weißrussen waren sämtlich von den vielfältigen Repressions- und Deportationsmassnahmen Stalins betroffen – bevor im Sommer des Folgejahres dann die Wehrmacht einmarschierte und ein nationalsozialistisches Besatzungsregime errichtete.
Heute ist Vilnius als Hauptstadt des 1991 wiederhergestellten litauischen Staates vor allem eine Stadt von Litauern sowie – weiterhin – von Polen, neuerdings auch wieder stärker von Weißrussen (was mit dem Regime in Belarus’ zusammenhängt), kaum mehr hingegen von Juden. Architektur, Denkmalslandschaft und Toponymie jedoch bewahren weiterhin Teile des „alten“ Vilnius, desgleichen die Erinnerungskulturen von Polen, Juden, Litauern, Weißrussen und anderen in Vilnius, in Litauen, in Ostmitteleuropa, in anderen Teilen Europas, in Israel sowie in Übersee.(6)
Methodische Schwerpunkte
Im Zentrum des diesjährigen Internationalen Forums stehen die urbane Kulturgeographie mit einem Schwerpunkt auf dem jüdischen Kulturerbe sowie Literarisierungsstrategien (Tomas Venclova, Czeław Miłosz) und Musealisierungskonzepte (Jüdisches Museum, Holocaust-Gedenkstätte in Paneriai, Museum für die Opfer des Genozids und Nationalmuseum für Geschichte Litauens in Vilnius. Alle drei Themenbereiche werden sowohl in Seminarform wie mittels Exkursionen und Besichtigungen behandelt.
Programm
Neben Seminaren und Exkursionen innerhalb Vilnius’ finden zwei öffentliche Vorlesungen – von David Fishman über die Identifikationskonzepte litauischer Juden in der Zwischenkriegszeit und von Tomas Venclova über Vilnius als europäische Stadt - sowie ein öffentlicher Vortrag von Alfred E. Senn samt Podiumsdiskussion zum 70. Jahrestag der Sowjetisierung Litauens 1940 in der Universität statt (mit Joachim Tauber, Česlovas Laurinavičius, Elena Zubkova und Paweł Machcewicz, Moderation Stefan Troebst, sowie anschließendem Empfang des litauischen Außenministeriums).
Die Seminare, die im Universitätsgebäude stattfinden, werden von Egle Bendikaite, Aurimas Švedas, Joachim Tauber, Heidemarie Petersen und Elena Temper geleitet.
Partner
Hauptpartner des GESI in Vilnius ist das Institut für die Geschichte Litauens, vertreten durch Prof. Dr. Alvydas Nikžentaitis, das wiederum mit dem Centre for Studies of the Culture and History of East European Jews sowie der Fakultät für Geschichte und dem Vilnius Yiddish Institute der Universität Vilnius kooperiert. In Planung und Durchführung einbezogen werden überdies die deutsche Botschaft sowie das Goethe-Institut.
Konzeption und Organisation:
Global and
European Studies Institute (GESI) der Universität Leipzig
in Verbindung mit dem
Institut für die Geschichte Litauens, Vilnius, und
dem Centre for Studies of the Culture and History of East European Jews, Vilnius,
sowie
der
Historischen Fakultät und dem Vilnius Yiddish Institute der Universität Vilnius
Leitung Prof. Dr. Stefan Troebst (troebst@uni-leipzig.de)
Koordination Ulrike Breitsprecher M. A. (breitsprecher@uni-leipzig.de)
Gefördert von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“
23. Februar 2010
(1)Venclova, Tomas: Vilnius. Eine Stadt in Europa. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. Mit Fotografien von Arūnas Baltėnas. Frankfurt/M. 2006 (= edition suhrkamp, 2473).
(2)Schlögel, Karl: Wilna – Horror einer schönen Stadt. In: Ders.: Promenade in Jalta und andere Städtebilder. München, Wien 2001, S. 41-60. Siehe auch Tauber, Joachim, Ralph Tuchtenhagen: Vilnius. Kleine Geschichte der Stadt. Köln, Weimar, Wien 2008.
(3)Tauber, Joachim (Hrsg.): Zwischen Staatsnation und Minderheit. Litauen, das Memelland und das Wilnagebiet in der Zwischenkriegszeit. Lüneburg 1994 (= Nordost-Archiv. Zeitschrift für Regionalgeschichte 2 [1993], H. 2, S. 209-558); Senn, Alfred Erich: The Great Powers, Lithuania and the Vilna Question, 1920-1928. Leiden 1966; Eidintas, Alfonsas, Edvardas Tuskenis, Vytautas Zalys: Lithuania in European Politics: The Years of the First Republic, 1918-1940. Basingstoke 1999; Wendland, Anna Veronika: Region ohne Nationalität, Kapitale ohne Volk: Das Wilna-Gebiet als Gegenstand polnischer und litauischer nationaler Integrationsprojekte (1900-1940). In: Comparativ 15 (2005), H. 2, S. 77-100.
(4)Dmitrieva, Marina, Heidemarie Petersen (Hrsg.): Jüdische Kultur(en) im Neuen Europa. Wilna 1918-1939. Wiesbaden 2004 (= Jüdische Kultur. Studien zur Geistesgeschichte, Religion und Literatur, 13); Sapper, Manfred, Volker Weichsel, Anna Lipphardt (Hrsg.): Impulse für Europa. Tradition und Moderne der Juden Osteuropas. Berlin 2008 (= Themenheft von Osteuropa 58 [2008], H. 8-10).
(5)Bartusevičius, Vincas, Joachim Tauber, Wolfram Wette (Hrsg.): Holocaust in Litauen. Krieg, Judenmord und Kollaboration im Jahre 1941. Köln u. a. 2003; Benz, Wolfgang, Marion Neiss (Hrsg.): Judenmord in Litauen. Studien und Dokumente. Berlin 1999.
(6)Gouseff, Catherine: Vilnius - die „Anderen“ im Gedächtnis der litauischen Hauptstadt. In: Nordost-Archiv 15 (2006), S. 160-174; Wendland, Anna Veronika: Stadtgeschichtskulturen: Lemberg und Wilna als multiple Erinnerungsorte. In: Aust, Martin, Krzysztof Ruchniewicz, Stefan Troebst (Hrsg.): Verflochtene Erinnerungen. Polen und seine Nachbarn im 19. und 20. Jahrhundert. Köln, Weimar, Wien 2009, S. 31-60.