Materialien

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Geheimes Zusatzprotokoll von 1939

Der deutsch-sowjetische Nichtangriffpakt enthielt ein geheimes Zusatzprotokoll, in dem die Teilung Polens beschlossen wurde. In der historischen Forschung spielte dieses Protokoll lange keine Rolle und erst seit kurzem wird diesem mehr Aufmerksamkeit geschenkt.

Leihgabe: Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Berlin.

Internationales Forum 2009 in Breslau

media/images/wip.jpg1939 - Hitler, Stalin und das östliche Europa.

Der thematische Fokus liegt auf dem Jahr 1939 und dem in diesem Jahr unterzeichneten „Hitler-Stalin-Pakt“. Dieser hatte weitreichende Konsequenzen, die bis heute in der Erinnerungslandschaft Deutschlands und Polen fest verankert sind. Das Thema des Internationalen Forums 2009 „1939 – Hitler, Stalin und das östliche Europa“ wird aber inhaltlich mehr als den Nichtangriffspakt zwischen dem deutschen Reich und der Sowjetunion thematisieren, sondern auch die aktuellen Diskussionen um die Form und den Inhalt von Gedenken in Deutschland, Polen und Russland an dieses Jahr 1939.

Im Spätsommer 1939 kulminierten die Bestrebungen des Dritten Reiches nach einer Revision der Versailler Nachkriegsordnung: Binnen fünf Wochen veränderte Hitler im Bund mit Stalin die machtpolitischen Verhältnisse in ganz Europa sowie zugleich die politische Landschaft Ostmitteleuropas und löste damit den Zweiten Weltkrieg aus. Am 23. August 1939 schlossen Deutschland und die UdSSR einen Nichtangriffspakt samt Geheimem Zusatzprotokoll zur „territorial-politischen Umgestaltung“ des östlichen Europa; am 1. September überfiel das Dritte Reich den Nachbarstaat Polen und besetzte ihn sowie die Freie Stadt Danzig binnen weniger Wochen; am 17. September marschierte die Rote Armee in Ostpolen ein und rückte bis zu der im Hitler-Stalin-Pakt festgelegten Demarkationslinie vor; und am 28. September schlossen das Deutsche Reich und die UdSSR einen Grenz- und Freundschaftsvertrag zur Wiederherstellung von „Ruhe und Ordnung“ in den Gebieten „des bisherigen polnischen Staates“. Die beiden Diktatoren in Berlin und Moskau hatten damit gemäß der preußisch-zaristischen Tradition „negativer Polenpolitik“ die Zweite Polnische Republik zerschlagen und unter sich aufgeteilt. Das doppelte deutsch-sowjetische Besatzungsregime in Polen währte bis zum Angriff Hitlers auf seinen Verbündeten Stalin am 22. Juni 1941.

Im August und September 1939 wurde somit die Grundlage für den temporär erfolgreichen Versuch der Schaffung eines „neuen Europa“ nationalsozialistischen Zuschnitts „von Narvik bis Kreta“ gelegt. Hauptelemente dabei waren Besatzung, territoriale Neuaufteilung, Zwangsumsiedlung, Zwangsarbeit, Holocaust, Porrajmos. Bereits im Frühjahr 1939 war die Tschechoslowakei unter Deutschland, Ungarn und Polen aufgeteilt, eine Slowakische Republik als Vasallenstaat des Dritten Reiches gegründet sowie das Memelland von Litauen zwangsweise an Hitler abgetreten worden. Und im Oktober nötigte die UdSSR Estland, Lettland und Litauen „Beistandspakte“ auf, welche die Einrichtung sowjetischer Militärbasen beinhalteten. Im November schließlich überfiel die Sowjetunion das benachbarte Finnland.

Die im Thema genannte Trias „Hitler, Stalin und das östliche Europa“ zielt zum einen auf die sowohl koordinierte wie von einander abgegrenzte deutsche und sowjetische Politik in den jeweiligen Einflusssphären in Nordost-, Ostmittel- und Südosteuropa. Zum anderen aber soll es um die politischen wie gesellschaftlichen Akteure in eben diesen europäischen Teilregionen und um ihre Reaktionen auf die Intervention der diktatorischen Imperien gehen. Dabei sind neben der Aktionsform des aktiven und passiven Widerstands auch Verhaltensweisen wie Indifferenz, Anpassung, Opportunismus und Kollaboration zu thematisieren.

Schließlich soll die Gedenkikone „1939“ auf ihre – ganz unterschiedlichen – ost- wie westeuropäischen Bedeutungen untersucht werden: Während aus polnischer wie baltischer Sicht „1939“ den Beginn einer fünfzigjährigen Leidenszeit von Besatzungen, Souveränitätsverlust und diktatorischer Herrschaft markiert, die erst mit dem Epochenjahr „1989“ (bzw. 1991) endete, wird in der Slowakei die Staatswerdung betont, wenngleich ambivalent erinnert. In westeuropäischer Perzeption wird die negative Schockwirkung von „1939“ durch „1945“ gleichsam neutralisiert – was partiell auch für die tschechische Sicht gilt. Hinzu kommt die russländische Perspektive, in der „1939“ entweder gar keine Rolle spielt, da völlig von der Periodisierungsmarke „1941“ überlagert, oder – in sowjet(nostalg)ischer Manier – für einen die eigene Gesellschaft nicht tangierenden Konflikt innerhalb des „imperialistischen Lagers“ steht. Zwangläufig führt daher die Beschäftigung mit „1939“ zu der für die Geschichte Europas wie der Welt zentralen Frage, wann der Zweite Weltkrieg begonnen habe – 1939 oder erst 1941?

Literatur

Altrichter, Helmut, Josef Becker (Hrsg.): Kriegsausbruch 1939. Beteiligte, Betroffene, Neutrale. München 1989; Beyrau, Dietrich: Schlachtfeld der Diktatoren: Osteuropa im Schatten von Hitler und Stalin. Göttingen 2000; Böhler, Jochen: Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939. Frankfurt/M. 2006; Böhler, Jochen (Hrsg.) „Größte Härte …“. Verbrechen der Wehrmacht in Polen September/Oktober 1939. Ausstellungskatalog. Osnabrück 2005; Gross, Jan: Und wehe, du hoffst … Die Sowjetisierung Ostpolens nach dem Hitler-Stalin-Pakt 1939-1941. Freiburg 1985; Kleßmann, Christoph: September 1939. Krieg, Besatzung, Widerstand in Polen. Göttingen 1997; Kletzin, Birgit: Europa aus Rasse und Raum. Die nationalsozialistische Idee der neuen Ordnung. Münster 2002; Oberländer, Erwin (Hrsg.): Hitler-Stalin-Pakt 1939. Das Ende Ostmitteleuropas? Frankfurt/M. 1989; Wegner, Bernd (Hrsg.): Zwei Wege nach Moskau: Vom Hitler-Stalin-Pakt zum „Unternehmen Barbarossa“. München, Zürich 1991.

Pfade der Erinnerung - Ausschreibung

Internationales Forum 2008 in Leipzig

1938-1949 – Dekade der Gewalt
Leipzig, Deutschland, 12.-17. Oktober 2008

Europas „kurzes“ 20. Jahrhundert war von drei langen Kriegsperioden geprägt – 1912-1922, 1938-1949 und 1991-1999. Die dramatischste, verlustreichste und bis heute am stärksten nachwirkende Dekade war dabei diejenige in der Mitte des Säkulums. Von der Annektion von Teilen der Tschechoslowakei durch Adolf Hitler und der nationalsozialistischen „Reichskristallnacht“ im Herbst 1938 bis zum Ende des Griechischen Bürgerkriegs mit der Flucht, Vertreibung und Verschleppung von zahlreichen Griechen und Makedoniern im Herbst 1949 war Gewalt das Signum eines ganzen Jahrzehnts.

Im Schatten des Zweiten Weltkrieges stellt die industrielle Vernichtung der Juden Europas dabei den präzedenzlosen Höhepunkt dar. Hinzu kommen die gigantischen Menschenverluste im Zuge der deutschen Angriffskriege gegen Polen und die Sowjetunion samt exterminatorischer Besatzungspolitik, der von Berlin angeordnete Porrajmos an den europäischen Roma, die Okkupationen Frankreichs, Belgiens, der Niederlande, Dänemarks, Norwegens, Griechenlands, Jugoslawiens, Estlands, Lettlands, Litauens, Italiens, Albaniens und Ungarns durch die Wehrmacht. Zwangsumsiedlung, Zwangsarbeit und Internierung gehörten ebenso zu den Kennzeichen nationalsozialistischer Eroberungs- und Vernichtungspolitik wie Massenerschießungen, administrative Hungerkatastrophen und Terrorjustiz. Ähnlicher Methoden bedienten sich die Kollaborations- und Satellitenregime in Vichy-Frankreich, Kroatien und der Slowakei, aber auch in Staaten, die mit dem Dritten Reich verbündet waren, wie Rumänien, Bulgarien, Finnland, Spanien oder Ungarn. In der Sowjetunion Stalins wuchs das Lagersystem des GULag seit 1937 rapide an, wie auch zahlreiche nicht-russische Bevölkerungsgruppen im Zuge des Zweiten Weltkriegs aus den europäischen Teilen des Landes in die asiatischen kollektiv deportiert wurden.

Das Ende der NS-Herrschaft über Europa 1945 resultierte in Zentraleuropa in einem mehrjährigen gewaltigen Flucht-, Vertreibungs- und Aussiedlungsgeschehen, in dessen Zuge vor allem Deutsche und Polen, aber auch Finnen, Ukrainer, Italiener und andere ihre Heimat verlassen mussten. Die Sowjetisierung Ostmittel- und Südosteuropas ging mit politischer Repression und Schauprozessen einher, und die Entkolonialisierung resultierte in Zwangsmigrationsströmen nach Europa, so von Franzosen und Arabern aus Algerien nach Frankreich. Vorbote des Kalten Krieges war dann der letzte „heiße“ Krieg der Dekade, nämlich der Bürgerkrieg zwischen pro-westlichen Royalisten und pro-kommunistischen Republikanern im Griechenland der Jahre 1946 bis 1949.

Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs waren die folgenden vierzig Jahre des Kalten Krieges von sowohl von der Erinnerung an das vorausgegangenen Gewaltjahrzehnts als auch von dessen ganz konkreten Folgen geprägt. Es kommt daher einer bitteren Ironie der Geschichte gleich, dass das Ende des Ost-West-Konflikts mit dem Epochenjahr 1989, der Erosion der sowjetischen Hegemonie und schließlich der Implosion des Sowjetimperiums 1991 mit dem Beginn der dritten Kriegsdekade im Europa des 20. Jahrhunderts zusammen fiel.

Jubiläen und Gedenktage wie etwa der sechzigste Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8./9. Mai 1945 im Jahr 2005 haben deutlich vor Augen geführt, dass die wichtigsten Trennlinien, welche die Erinnerungslandschaft Europas durchziehen, die 1938-1949 aufgerissenen Gräben sind, dass auch in der Gegenwart diese Gewaltdekade den zentralen Bezugsrahmen europäischen Identitätsmanagements, nationalstaatlicher Geschichtspolitik, zivilgesellschaftlicher Erinnerung und privaten Gedächtnisses bildet - in Mittel- und Osteuropa ebenso wie in Nord-, West- und Südeuropa.

Eröffnung des Internationalen Forums 2008
Eröffnung des Internationalen Forums 2008

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