"Wie ein Schwede bei Poltawa"

Wie ein Schwede bei Poltawa

15.07.2009 15:59

Über eine ukrainisch-deutsche Geschichtswerkstatt

media/blog/blog1.JPGAm 8. Juli 2009 jährt sich die Schlacht von Poltawa zum 300. Mal. Anlässlich dieses Jubiläums erforschen Studenten aus Freiburg und Poltawa von April bis September im Rahmen einer Geschichtswerkstatt die Entwicklung der ukrainischen Erinnerungskultur. Maria Martens erklärt, was es mit dem Projekt auf sich hat.

Der Titel unseres Projektes "Wie ein Schwede bei Poltawa" ist eine in Russland und der Ukraine geläufige Redewendung. Sie bezieht sich auf die Schlacht von Poltawa vom 8. Juli 1709. Der Ausgang dieser Schlacht zwischen dem Russischen Reich und dem Königreich Schweden stellte einen Wendepunkt der europäischen Geschichte dar und gilt als Geburtsstunde des Russischen Imperiums. Doch in welchem Zusammenhang steht dieses Ereignis mit aktuellen Entwicklungen der Erinnerungskultur in der Ukraine?

Nicht nur die Tatsache, dass die Kampfhandlungen auf ukrainischem Territorium stattfanden, sondern vielmehr der Umstand, dass der Kosakenführer I. S. Mazepa die Schweden unterstützte, spielt heute eine ausschlaggebende Rolle für die Ukrainer. Von den Einen wird er als Volksheld gefeiert, die Anderen betrachten ihn als Verräter. So können die Schlacht von Poltawa und die Kontroversen um die Person Mazepas als symbolisch für aktuelle Gegensätze im Selbstfindungsprozess der Ukrainer gelten.

Im Rahmen dieses Projektes beschäftigen sich vierzehn Studenten aus Poltawa und Freiburg und ihre Teamleiter mit der Frage nach der Veränderung der nationalen Erinnerungskultur und dem Prozess der Identitätssuche nach der staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine 1991. Ziel ist es, den Wandel der Geschichtsschreibung und des Geschichtsbewusstseins zu erfassen und dessen Auswirkungen sowohl in der Ukraine als auch im gesamteuropäischen Kontext zu bewerten.

media/blog/blog2.jpgWichtige Fragen in diesem Zusammenhang sind z.B.: Wie werden die Schlacht von Poltawa bzw. Mazepa in unterschiedlichen Quellen dargestellt? Wie wurden bzw. werden verschie-dene Darstellungen für politische Zwecke genutzt? Inwiefern beeinflussen diese Darstel-lungen das nationale Selbstverständnis der ukrainischen Bürger und Bürgerinnen? Zu diesem Zweck sollen einerseits Texte und Dokumente (sowjetischen, ukrainischen und westeuropäischen Ursprungs) zur Schlacht bei Poltawa kritisch analysiert, andererseits Interviews durchgeführt werden. Die Ergebnisse werden nach Abschluss der Untersuchungen in einer Broschüre zusammengefasst und veröffentlicht.

Gefördert wird das Projekt maßgeblich von der Geschichtswerkstatt Europa, einem Programm der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft zur Auseinandersetzung mit europäischer Erinnerung. Die Projekte 2009 stehen unter dem Motto "Schichten der Erinnerung". In unserem Fall wird also am Beispiel der Erinnerungsschichten der Schlacht von Poltawa der Prozess der nationalen und europäischen Identitätssuche der Ukraine untersucht. Weiterhin wird das Projekt durch die Robert Bosch Stiftung gefördert, die mit ihrem Lektorenprogramm an Hochschulen in Osteuropa und China einen Beitrag zur Völkerverständigung leistet.

Maria Martens (23),
ist in der litauischen Hauptstadt Wilna geboren, lebt aber seit ihrem dritten Lebensjahr in Deutschland. Maria studiert in Freiburg Geschichte und Geographie mit Schwerpunkt Osteuropa. Sie reizt am Projekt die Gelegenheit, einerseits die Geschichte der Ukraine quasi hautnah erfahren zu dürfen, andererseits deren Bevölkerung und Kultur näher zu kommen.

Auch erschienen bei to4ka-treff.de – ein Projekt der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch und der Goethe-Institute der Region Osteuropa/Zentralasien: to4ka-treff


Juni 2009

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