"Let it roll…"

Wie ein Schwede bei Poltawa

15.07.2009 15:45

media/blog/letitroll1.jpg... viele Fragen und die Antworten der Teilnehmer am Projekt "Wie ein Schwede bei Poltawa". Welche Motivation haben die deutschen und ukrainischen Studenten für ihre Teilnahme am Projekt? Und wie bewerten sie ihre bisherige gemeinsame Arbeit? Was hat ihnen besonders gefallen? Viele Fragen und interessante Antworten.

 

Wissenschaftlicher Austausch ist immer auch kulturelle Begegnung. Welchen Eindruck hast du vom ersten Treffen? Hat Dich etwas überrascht?

Petro (UA): Meine Teilnahme an dem Projekt "Wie ein Schwede in Poltava" ist ein wichtiger Abschnitt meines bisherigen Lebens. Im Ganzen ist dieses Projekt eine tolle Chance für mich, mich weiter zu entwickeln, insbesondere in Hinblick auf solche Kompetenzen wie Teamwork, Flexibilität und Unabhängiges Denken. Und sicherlich will ich auch viel Spaß mit meinen Freunden aus der Ukraine und Deutschland haben. Die Freiburger Studenten waren sehr nett. Mich hat aber überrascht wie zurückhaltend sie in Diskussionen waren. Vielleicht waren sie nicht so gut vorbereitet wie wir. (lacht)

Sebastian (DE): Nein, nichts wirklich Überraschendes, was die kulturelle Begegnung betrifft – uns war das Thema nur ein wenig fremd, obwohl wir zuvor viele Aufsätze gelesen hatten.

Malte (DE): Ich war von den hervorragenden Englischkenntnissen der ukrainischen Studenten sehr beeindruckt. Um so mehr, als ich erfuhr, dass kaum jemand von Ihnen je im Ausland war.

media/blog/letitroll2.jpgAn die deutschen Studenten: Die Schlacht bei Poltava hat vor nunmehr dreihundert Jahren stattgefunden. Warum interessierst Du Dich als deutscher Student für eine Schlacht des Grossen Nordischen Kriegs? War Dir die Bedeutung der Schlacht bei Poltava bewusst?

Clara (DE): Von dem Großen Nordischen Krieg habe ich im Rahmen meines Studiums natürlich schon gehört. Die Schlacht als solche ist in Deutschland eher unbekannt. Mich interessiert aber besonders das Verhältnis der nun unabhängigen Ukraine zu seinem ehemals „"großen Bruder" Russland. Dabei spielt die Schlacht bei Poltava eine bedeutende Rolle. Außerdem war mir wichtig, einen unmittelbareren Zugang zur Geschichte der Ukraine zu bekommen - einen Eindruck außerhalb der Medien, in Zusammenarbeit mit Studenten aus der Ukraine und das in der bedeutenden Stadt Poltava.

Kristina (DE): Ich schreibe gerade meine Bachelorarbeit in Geschichte. In dieser argumentiere ich, dass es schon immer enge kulturelle und politische Beziehungen zwischen Ost und West gab. Wenn man sich mit Historiographie auseinandersetzt sind die Leitfragen immer: Wie wird etwas erinnert und was für verschiedene Erinnerungsschichten und Veränderungen lassen sich erkennen? Hier kann die Schlacht bei Poltava mit der Erinnerung und Erinnerungspräsentation ein Fallbeispiel sein.

An die ukrainischen Studenten: Die Schlacht bei Poltava wurde in der Geschichtsschreibung verschieden bewertet. Welche Bedeutung hat die Schlacht für Dich?

Julia (UA): Ich kann es nicht genau sagen. Ich sehe die Schlacht in einem größeren Kontext. Ich freue mich darauf, Neues über die Schlacht bei Poltava und über die Art und Weise, wie sie erinnert wird, in Erfahrung zu bringen. Denn in den Formen unserer Erinnerungskultur und Tradierung liegt aus meiner Sicht der Schlüssel zur weiteren Entwicklung der Ukraine.

media/blog/letitroll3.jpgTanja (UA): Ich nehme an dem Projekt teil, weil ich die verschiedenen Blickwinkel auf die Schlacht von Poltava kennen lernen möchte. Das ist nicht zuletzt deshalb interessant für mich, da dieses historische Ereignis in meiner Heimatstadt stattgefunden hat und wir dieses Jahr des 300. Jahrestages der Poltavaer Schlacht gedenken.

Anastasia (UA): In der Schule, in den Medien, in Gesprächen mit Eltern und Großeltern haben wir von diesem Ereignis gehört. Nun bin ich interessiert daran, die Konsequenzen des Ereignisses zu analysieren, also seine Einflüsse auf die gegenwärtige Entwicklung unseres Landes sowie auf die internationalen Beziehungen zwischen den Europäischen Ländern und Russland zu untersuchen.

Hattest du schon Kontakte in die Ukraine / nach Deutschland?

Malte (DE): Nein, aber ich habe dennoch so was wie einen persönlichen Bezug zur Ukraine. Meine Großeltern waren so genannte Schwarzmeerdeutsche, die in der Südukraine siedelten. Dieses Projekt ist eine tolle Möglichkeit, in Kontakt mit dem Land meiner Vorfahren zu kommen.

Yuliia (UA): Kaum jemand von uns [ukrainischen Projektteilnehmer] hat vor dem Projekt direkte Kontakte nach Deutschland gehabt. Anna war als Kleinkind mal in Deutschland. Aber keiner von uns kennt Deutschland wirklich. Dabei lernen wir alle seit geraumer Zeit die deutsche Sprache und auch unsere Deutschdozentin Romea, die auch die Leitung dieses Projekts inne hat, hat uns viel über Deutschland erzählt. Und uns auch mit deutscher Musik bekannt gemacht: Kennt ihr zum Beispiel das Lied "Bochum" von Herbert Grönemeyer? (raunen)

media/blog/letitroll4.jpgWie habt Ihr Euch während des Projekts mit dem Thema auseinandergesetzt?

Julian (DE): Puhh, wir haben soviel gemacht. Wir haben uns Denkmäler angesehen, die an die Schlacht erinnern. Die Poltavaer Studenten haben dazu Vorträge gehalten. Außerdem waren wir in dem Museum, das sich in der Nähe des eigentlichen Schlachtfelds befindet.

Laura: Ja – und vor allem haben wir diskutiert. Wir haben die Fragebögen für die Oral History Interviews zusammen erstellt und uns überlegt, wie wir die Befragungen am besten durchführen können. Wir wollen nämlich herausfinden, wie die Schlacht bei Poltava in verschiedenen Generationen erinnert wird.

Welche Ergebnisse waren für Dich besonders interessant? Was hast Du gelernt?

Sebastian (DE): Mir zumindest war vor dem Projekt nicht wirklich bewusst, dass die Schlacht bei Poltava in der Erinnerungskultur der Ukraine eine derart kontroverse und umstrittene Rolle spielt.

Neele (DE): Ich habe mich vorher noch nie mit Oral-History auseinander gesetzt. Die Schwierigkeiten, aber auch die Möglichkeiten, die dieser methodische Ansatz mit sich bringt, fand ich außerordentlich interessant.

media/blog/letitroll5.jpgNastja (UA): Hmmm, schwierig sich festzulegen. Wir hören so viele neue Meinungen, verschiedene Ansichten zu unserem Projektthema. Das ist interessant. Und dann haben wir die vielen interessanten Projektaufgaben wie die Analyse von Denkmälern, dem Museum, der Gedenkfeier, plus die spannenden Oral-History-Interviews. Und quasi nebenbei lernen wir dabei viel über wissenschaftliches Arbeiten und Projektmanagement. Also, ich denke, für mich persönlich waren die Oral-History-Interviews bisher das allerinteressanteste Erlebnis in diesem Projekt. - Neben dem kulturellen Austausch mit den deutschen Studenten. :-)

Was versprechen Sie sich als Initiatoren und Leiter von dem Projekt "Wie ein Schwede bei Poltava?"

Guido Hausmann: Natürlich freue ich mich, wenn ich deutsche Studenten an das Thema Ukraine heran führen kann. Besonders reizvoll finde ich bei unserem Thema den Aspekt der Erinnerungskultur. Durch diesen Fokus wird ein lange zurückliegendes Ereignis geradezu aktualisiert. Ich bin sehr gespannt auf unsere Ergebnisse.

Romea Kliewer: Für mich steht, neben dem wissenschaftlichen Aspekt, vor allem der kulturelle und persönliche Austausch der Studenten beider Länder im Fokus. Mir geht es in erster Linie darum, dass die Studenten ihre jeweils unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen in einem gemeinsamen Dialog austauschen und reflektieren lernen.

"Der Weg zum Gruppeninterview: Das Gruppeninterview entstand durch eine schriftliche Befragung der Teilnehmer. Neele und Basti haben dann ein Gruppeninterview daraus gebastelt. Die schriftlichen Antworten der Teilnehmer wurden dabei in eine mündliche Ausdrucksform gebracht und sind daher leicht abgewandelt. Die Aussagen an sich sind aber unverändert."

Neele Wulff
studiert Geschichte, Literatur und öffentliches Recht an der Universität Freiburg. Neele ist interessiert daran, wie sich Europa in Zukunft mit Blick auf Osteuropa entwickeln wird, und hat ihren Studienschwerpunkt daher bewusst auf Osteuropastudien gelegt. Im Projekt möchte sie vor allem mehr über die die ukrainische Perspektive auf Europa und seine Verknüpfung zur europäischen Geschichte lernen.

Sebastian Sparwasser (24)
studiert Kulturanthropologie und Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg. Basti interessiert sich sehr für die Geschichte und die zukünftige Entwicklung osteuropäischer Länder. Er findet, die Schlacht von Poltawa ist ein Ausdruck für den Kampf einer Nation um Identität, was seiner Meinung nach in kulturanthropologischer Forschung heute eine große Rolle spielt.

Auch erschienen bei to4ka-treff.de – ein Projekt der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch und der Goethe-Institute der Region Osteuropa/Zentralasien: to4ka-treff
Juni 2009

Alle BeiträgeAndere Beiträge in dieser Kategorie

Zurück

Andere Beiträge in dieser Kategorie


Erweiterte Suche

Impressum  |   Sitemap  |   Sprache
Ein Förderprogramm der Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft