Verbrannt und vergessen - Zweiter Teil

Der NS-Völkermord an den Roma –...

20.09.2010 15:48

Auf dem gesamten Gebiet der ehemaligen Sowjetunion gibt es bis heute kein Denkmal, das den über zehntausend im Krieg ermordeten Roma gedenkt

Deutschland erkannte den Völkermord an Roma und Sinti an, auch wenn dafür zunächst nahezu vierzig Jahre verstreichen mussten. Heute befinden sich Denkmale an den Orten der Massenmorde an Roma und Sinti. In den ehemaligen Sowjetstaaten gibt es kaum dergleichen, obwohl Daten zu den Massenmorden - aufgrund nationaler Zugehörigkeit - bis heute in Archiven und im Gedächtnis der wenigen Überlebenden erhalten sind. Im Rahmen des Projekts „Der NS-Völkermord an den Roma - verwischte Spuren der Erinnerung entdecken", das organisiert wurde von der deutschen Stiftung EVZ (Erinnerung, Verantwortung, Zukunft) in Zusammenarbeit mit dem Antidiskriminierungszentrum Memorial, besuchten russische und deutsche Studierende Orte, die heute für die Vernichtung an Sinti und Roma bekannt sind.

Das Dorf Aleksandrowka nahe Smolensk

„Unser ganzes Dorf war ein Zigeunerdorf", erzählt Wladimir Fjodorowitsch Glentschukow, einer der 15 überlebenden Roma, die die Deutschen am Ort der Erschießung freiließen. „Es gab höchstens zwei oder drei russische Familien in unserem Dorf und wir lebten friedlich mit ihnen zusammen."

Wladimir, war selbst erst drei Jahre alt, als seine Mutter ihn neben der Erschießungsgrube auf dem Arm hielt. Sie erzählte ihrem Sohn später, was sich genau ereignet hatte. Die SS-Soldaten begannen, das Dorf Aleksandrowka am Morgen des 24. April 1942 einzukesseln und alle aufgelisteten Zigeuner wurden in eine Scheune gejagt. Die Liste war schon im Voraus erstellt worden, von Russen, die bei der Erstellung der Liste nicht wussten, welchem Zweck sie dienen sollte. Sie dachten die Deutschen, die für ihre Ordnung bekannt sind, wollen einfach wissen, wie viele Russen, Juden und Zigeuner hier leben.

Aufgrund gemischter Ehen gelang es übrigens einigen Zigeunern, dem Tod zu entkommen, sie waren als Russen auf den Listen vermerkt. Die Mutter Glentschukows erklärte, sie sei Polin (sie sprach polnisch). Es gab keinen Befehl, auf sowjetischem Territorium Polen zu erschießen. Also berieten sich die Offiziere und ließen anschließend Glentschukows Mutter und einige weitere, die diese ihnen als ihre Verwandten genannt hatte, frei.

Auf dem Gedenkstein ist das Erschießungsdatum und die Anzahl der Opfer vermerkt - 176 Menschen, aber mit keinem Wort werden die Zigeuner erwähnt, obwohl alle Dorfbewohner darüber Bescheid wissen. Bei ihnen sind allerdings unterschiedliche Reaktionen zu beobachten, besorgniserrenderweise wurde der Gedenkstein bereits mehrmals mit Farbe oder Beleidigungen gegen Zigeuner beschmiert; es scheint, als keime in dem Land, in dem man stolz auf den Sieg über den Faschismus ist, eine andere Saat - gesät von Nazi-Ideologien.

 

Pskowschtschina: Noworschew und Moglino

„Die Deutschen begannen, davon zu sprechen, dass sie uns alle nach Bessarabien bringen. Mein Vater ging daraufhin von Haus zu Haus und fragte: wohin wollen sie euch bringen, um uns herum ist Krieg, die Straßen sind zerstört, lasst uns besser in den angrenzenden Wald fliehen, dort gibt es Platz. Die Roma, keinen Verdacht schöpfend, antworteten, dass ihnen schon keiner etwas antun werde und verwiesen darauf, dass sie bisher auch frei herumlaufen könnten. Frei herumlaufen konnten sie, weil die Deutschen auf einen Konvoi warteten. Niemand glaubte, dass die Deutschen einfach so grundlos alle erschießen könnten. Mein Vater ging mit Frau und Kindern in den Wald, um dort zu leben. Aus dem ganzen Gebiet überlebte nur eine einzige Roma-Familie - unsere. Alle anderen wurden nach Noworschew gebracht und dort erschossen."

Die Tatsache, dass nahe dem Dorf Moglino Massenerschießungen stattfanden, ist bekannt, hier töteten die Nazis systematisch Juden, Zigeuner und Russen. Heute steht in Moglino ein Kriegsdenkmal für die im Krieg Gefallenen, als ob es sich eben um einen Kriegsschauplatz handle und als hätte sich hier weiter nichts ereignet. Und das, obwohl die Bewohner ganz genau wissen, was auf dem unbebauten Platz am Rande des Dorfes geschehen war. Hier wurden während der Besetzungszeit hunderte Körper, vorrangig erschossener Juden und Zigeuner, in einem Massengrab begraben.

Nach dem Krieg wurde das Grab geöffnet, es fand eine offizielle Umbestattung statt, bei der die Gebeine zu dem Denkmal der Kriegsgefallenen gebracht wurden. Dennoch erinnert heute weder ein Denkmal, noch eine Inschrift daran, was hier wirklich geschah.

 

Salaspils: Kinder und Erwachsene

„Ich war neun Jahre alt, als der Krieg anfing, wir lebten in der Stadt Ostrow in der Oblast Pskow", erzählt Aleksandra Wassiljewna Belowa. „Alle Zigeuner versammelten sich und beschlossen, vor den Bombenangriffen zu flüchten. Wir flohen, aber uns kamen Deutsche auf Motorrädern entgegen. Also kehrten wir nach Ostrow zurück. Das erste halbe Jahr lebten wir friedlich, ohne dass uns irgendjemand etwas tat."

Später stellte sich heraus, dass Aleksandras Vater den Partisanen half, er versteckte Juden. Er wurde sogar einmal gefangen genommen und wieder freigelassen. Im Winter gegen Ende des Jahres 1942 wurden alle Zigeuner aus Ostrow deportiert, anfangs nach Moglino, wo sich ein Umsiedlungslager befand, später nach Salaspils, wohin hauptsächlich Kinder geschickt wurden. Diejenigen, die den Hunger, die Kälte und den Transport in den Viehwaggons überlebten, mussten arbeiten. Kinder und Jugendliche mussten auf dem Feld und in Webereien Zwangsarbeit leisten.

„Einmal habe ich mit einem russischen Mädchen zusammengearbeitet und wir sind nicht fertig geworden, da uns die Fäden am Webstuhl rissen, zur Strafe wurden wir öffentlich verprügelt", erinnert sich Aleksandra Wasiljewna. „Erst wurden wir tags verprügelt und dann noch einmal vor dem Schlafen, zur Abschreckung für die anderen. Außerdem bekamen wir nichts zu essen." Die Kinder von Russen, Zigeunern, Weißrussen und Ukrainern, wurden ständig bestraft, für das kleinste Vergehen wurden sie geschlagen und ihnen das ohnehin schon spärliche Essen entzogen. Die Arbeit auf dem Feld war sehr schwer: unendlich scheinende Ackerfurchen, den ganzen Tag gab es weder zu essen noch zu trinken, manche der Kinder fielen vor Kraftlosigkeit einfach zu Boden, von wo sie wie geknickte Ähren aufgesammelt wurden. Aleksandra erkrankte häufig, dass sie überlebte, verdankt sie der Mutter eines der Kinder in Gefangenschaft, eine Erzieherin, die Mitleid mit Aleksandra hatte. Als die Deutschen gingen, schlossen sie die Kinder in die Baracken ein und versperrten die Türen zusätzlich mit Benzinfässern. Gottseidank zündeten sie die Baracken nicht an, sondern rannten überstürzt davon.

 

Eigene - Fremde

Dokumente mit den Befehlen, Zigeuner und Juden zu vernichten, sind größtenteils nicht erhalten, es gibt den Beschluss der Wannsee-Konferenz 1942, in dem die „Endlösung der Judenfrage" dokumentiert ist. Dokumente mit Befehlen zum Töten von Zigeunern, unterzeichnet von hohen SS-Führern, sind jedoch nicht erhalten. Dem Nazi-Regime war anscheinend daran gelegen, keine Beweise für ihre Blutspuren in der Geschichte zu hinterlassen. Zeitzeugen bestätigen, dass für solche Befehle „Boten" ausgesandt wurden, die den Befehl den SS-Offizieren vor Ort übertrugen, die ihn wiederum ausführten - dies war eine gängige Praxis unter Schergen. Einige wenige Dokumente sind dennoch erhalten, Befehle, die bezeugen, dass Juden oder Zigeuner sich an bestimmten Orten zu sammeln hatten, umsiedeln und sich an Sonderregeln halten mussten, die nur für sie galten. In der Regel wurden genau bei diesen neuen Siedlungen Massengräber und Spuren von Massenbegräbnissen entdeckt.

Eines dieser wenigen erhaltenen Dokumente, das sich auf Zigeuner bezieht, fand der deutsche Historiker Martin Holler in einem Archiv, es handelt sich um die Anordnung eines Polizeibeamten in Tschernigowa, der allen Zigeunern befahl, sich an einem Platz zu versammeln und diesen nicht ohne behördliche Erlaubnis zu verlassen.

 

Natalja Schkurjonok

Übersetzt von Birte Lampart

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