28.01.2010 03:04
Bevor wir einheimische Jugendliche nach Artefakten aus der Zeit des Arbeitslagers in ihrer Stadt befragen fahren wir mit dem Bus nach Dolinka, einem kleinen Ort unweit Karagandas. Denn wie es sich für ein richtiges Lagersystem gehört befand sich die Hauptverwaltung des Karagandinsker Lagers nicht in der namensgebenden Stadt, sondern ein wenig außerhalb dieser. Seit einiger Zeit gibt es im ehemaligen Verwaltungszentrum eines der größten Lager des GULag ein vom kasachischen Staat finanziertes Museum. Mit einem Besuch dieser Einrichtung möchten wir uns einen Einblick in die staatlich geförderte Aufarbeitung und Erinnerung an die Zeit der Arbeitslager verschaffen.
Wir stellen leider erst vor Ort fest, daß es ein Fehler war, unseren Besuch telephonisch beim Lagermuseum anzumelden. Dank unserer Ankündigung sind die Beschäftigten der Gedenkstätte vor Ort gewarnt und auf eine intensive Betreuung unserer kleinen Gruppe vorbereitet. Zu dieser Betreuung gehört nicht nur die Führung durch die Ausstellung, sondern auch die Führung durch einen Teil des Ortes. Sowohl in der Ausstellung als auch auf der Führung durch den Ort ist das Photographieren und Filmen jedoch streng verboten. Darüber hinaus sei es auswärtigen Gästen auch verboten, sich ohne Aufsicht im Ort zu bewegen, teilen uns die Museumsmitarbeiter mit. Sie begründen diese Verbote mit dem besonderen Status der Siedlung als Ort des nach wie vor aktiven Strafvollzugs. Die früheren Lagergebäude dürfe man deshalb nicht photographieren, weil sich in einem Teil der alten Lageranlage ein weiterhin aktives Gefängnis befinde und deshalb der gesamte Ort unter die Zuständigkeit der kasachischen Sicherheitsbehörden falle. Ohne besondere Genehmigung durch diese Organe sei das Photographieren sowie der Aufenthalt unregistrierter Personen im Umkreis von mehreren hundert Metern um das Gefängnis verboten.
In Anbetracht dieser Einschränkungen beschließen wir, in den nächsten Tagen noch einmal nach Dolinka zu fahren. Dann aber unangemeldet, um uns unbeaufsichtigt in der Siedlung bewegen und alle die Orte aufsuchen zu können, welche uns und nicht dem Aufsichtspersonal als wichtig erscheinen.