Polish-German Seminar at History Meeting House

1939. Beginn der deutsch-polnischen...

12.01.2010 16:13

 

Ein polnisch-deutsches Kooperationsprojekt des History Meeting House, Warschau und des Berliner Arbeitskreis Konfrontationen

 

Der deutsche Überfall auf Polen jährte sich am 1. September 2009 zum siebzigsten Mal. Diesen Jahrestag nahm ein polnisch-deutsches Kooperationsprojekt zum Anlass, um der Frage nachzugehen, wie der Beginn des Zweiten Weltkrieges in beiden Ländern dargestellt und erinnert wurde und wird.

 

In dem Gemeinschaftsprojekt wurden Materialien und Quellen gesammelt, die unterschiedliche Perspektiven auf den Beginn des Krieges in beiden Ländern dokumentieren. Dazu gehörten klassische Quellen wie Presseartikel und Pressefotos, offizielle Verlautbarungen und Dokumente, zeitgenössische Filme und sogenannte Ego-Dokumente wie Berichte, Fotos aus Privatbeständen und Interviews mit Zeitzeugen. Die recherchierten Dokumente spiegeln die jeweiligen zeitgenössischen Reaktionen im Deutschen Reich und in Polen wieder. Jenseits der Presseberichterstattung und der offiziellen Dokumente kommen Stimmen von jüdischen Deutschen und Polen ebenso zu Wort wie die von nicht-jüdischen Polen und nicht-jüdischen Deutschen, darunter auch Täter sowie amerikanische und britische Korrespondenten.

 

Ziel des binationalen Seminars ist, dass die Studierenden aus Warschau und Berlin die unterschiedlichen zeitgenössischen Perspektiven und Narrative auf dasselbe Ereignis anhand der Quellenanalyse herausarbeiten und mit den gegenwärtigen nationalen Erzählungen und der jeweiligen Erinnerungskultur vergleichen. Trotz dieser Angebote zu Perspektivwechseln bleibt wesentlich, die historischen Tatsache der deutschen Aggression gegen Polen nicht zu verwischen. Für Polen bedeutet das Datum 1939 ein fortwährendes Trauma, das bis heute nachwirkt. Zudem verkomplizierte und dramatisierte sich die geschichtliche Situation durch die - anfangs - doppelte Besatzung im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes und des damit einhergehenden Verlustes an staatlicher polnischer Autonomie.

 

Am 17. und 18. September 2009 trafen sich die Studierendengruppen aus Warschau und Berlin im History Meeting House in Warschau. Zwei Tage arbeiteten sie gemeinsam mit den Quellen, um über den Stellenwert und die Gewichtung des Kriegsbeginns in den Erinnerungskulturen und den geschichtspolitischen Debatten beider Ländern zu diskutieren.

 

Am Anfang des Seminars stand der binationale Austausch über die familiäre Geschichte der Teilnehmer/innen in Kleingruppen bis in die Großelterngeneration. Der gemeinsame familiengeschichtliche Rückblick zeigte auf Grund der heterogenen Zusammensetzung der Gruppen (unterschiedliche Herkunftsländer, Juden und Nicht-Juden) eine Vielzahl von familiären Narrativen, Verarbeitungsformen und Auseinandersetzungen auf. Insbesondere diesen Austausch erlebten die Studierenden als erkenntnisfördernd und bereichernd.

 

Anschließend arbeiteten die Studierenden ebenso in binational zusammen gesetzten Kleingruppen mit Text- und Bildquellen zu folgenden Themen: Deutsche Kriegspropaganda; Kriegsbeginn und Alltag in den Hauptstädten Berlin und Warschau im Spiegel der Presse; Doppelte Besatzung und Zwangsmigration in Polen 1939; Polnische Kriegspropaganda vor Kriegsbeginn; Anti-polnische Propaganda vor Kriegsbeginn im Deutschen Reich; Offizielle politische Dokumente Nazi-Deutschlands; Zerstörung Warschaus; Berichte von Berliner Juden; Berichte von nicht-jüdischen Deutschen in Berlin; Berichte von Juden aus Warschau und aus anderen Orten in Polen; Der Blick deutscher Soldaten auf Polen und polnischen Juden; Berichte nicht-jüdischer Polen aus Warschau. Die Kleingruppen arbeiteten jeweils zu zwei Themenkomplexen mit dem Arbeitsauftrag, ihre Ergebnisse und Thesen auf Plakaten zu visualisieren.

 

Am Ende des Seminars bot sich durch die Vielzahl der Plakate ein Panorama der Perspektiven auf den Kriegsbeginn dar, das eine Reihe von Fragen aufwarf. Diskussionspunkte waren: Wirkungsmacht visueller nationalsozialistischer Propaganda (Film Feuertaufe und Wochenschauberichte) auf die deutsche Bevölkerung, insbesondere im Hinblick auf die rasseideologischen antipolnischen Ziele des Krieges; Differenzen zwischen der Kriegsrhetorik des deutschen Aggressors und polnischen Reaktionen; Wahrnehmung der antijüdischen Maßnahmen in der nicht-jüdischen Bevölkerung in Deutschland wie in Polen und deren Reaktionen; gegenwärtige Wirkung von Zeitzeugeninterviews und deren Inszenierung und Einsatz in deutschen und polnischen Medien. Einen Gegenwartsbezug stellten die Studierenden vor allem durch die Frage her, inwieweit sich die nationalsozialistische antipolnische Rasseideologie auf das gegenwärtige Verhältnis zwischen Polen und Deutschen auswirkt, das nach wie vor von Ressentiments geprägt ist.

 

In der letzten Sektion des Seminars werteten die Studierenden die deutsche und polnische Presseberichterstattung zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns aus, die Ergebnisse wurden dann in Kleingruppen diskutiert. Die nationalen Erinnerungsinszenierungen beider Länder nahmen die jungen Erwachsenen im Wesentlichen als politische Funktionalisierung wahr, die kaum mit den Fragen, die sich in den letzten beiden Tagen durch die Arbeit mit den historischen Quellen aufgetan hatten, in Verbindung standen. Ebenso wenig spiegelten sie familiären Bezüge zum Kriegsbeginn wieder bzw. Aspekte der dort stattfindenden Auseinandersetzungen. Die Erinnerung an den Beginn des Zweiten Weltkriegs hielten die Studierenden für sich ebenso wie für kommende Generationen für unerlässlich. Offen blieb, wie Erinnerungsformen entwickelt und etabliert werden können, die sich in Deutschland wie in Polen einer national-politischen Instrumentalisierung entziehen.

Dagi Knellessen

 

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