Hurra! Wir fahren nach Deutschland!

Wie ein Schwede bei Poltawa

16.11.2009 11:02

Seit seiner Kindheit hat Petro davon geträumt, einmal nach Deutschland zu fahren. Und plötzlich findet Petro sich auf dem Alex in Berlin wieder, bestaunt den Fernsehturm und die Punker und fühlt die Berliner Luft... Ein persönliches Märchen.

(c) Romea KliewerIch habe so sehr davon geträumt, einmal nach Deutschland zu kommen. Schon in meiner Kindheit sammelte ich Fotos von deutschen Städten und hörte einige Jahre lang Rammstein – ohne die Texte zu verstehen. Ich habe die Worte einfach Til Lindemann nachgesprochen und träumte von Deutschland. Und nun ist das Unmögliche dank der deutschen Stiftungen und unserer Lektorin aus Deutschland möglich geworden.

In unserer Universität in Poltawa arbeiteten bis dahin noch nie irgendwelche Deutsche. Und auf einmal kam Romy nach Poltawa, eine Bosch-Lektorin, und wir lernten Deutschland näher kennen. Wir unterhielten uns viel, schauten Filme ("Goodbye Lenin") und sangen Lieder. Am meisten gefiel unds das Lied "Guten Abend, meine Damen; guten Abend, meine Herren" und wir lernten es alle auswendig.

Durch die Teilnahme am Projekt mit den deutschen Studenten, kam es nun auch zu der Reise nach Deutschland. Bis zum letzten Moment war es für mich praktisch nicht zu glauben. Aber dann hatte ich im Pass schon mein Visum, die Flugtickets waren gekauft und die Koffer gepackt … Also doch kein Traum! Wir flogen nach Deutschland und unsere Romy zeigte uns Dortmund, Berlin, Freiburg und sogar die Schweiz. Kaum vorzustellen, dass ich morgens in Poltawa aufgewacht war, tagsüber durch Kiew lief, abends in Dortmund ankam und mich nachts in Berlin wiederfand.

Kulturschock - so viele Geschäfte und Sauberkeit!

(c) Romea KliewerAuf dem Dortmunder Flughafen trafen uns die Freunde von Romy mit Sekt und den Worten "Herzlich willkommen!". Für mich öffnete sich eine neue Welt, die Welt der Sprache, die ich lerne und die ich so gerne beherrschen möchte. Am gleichen Tag sind wir noch nach Berlin mit dem Zug gefahren, mit einem großen und schönen Zug mit allem Komfort. In Hannover ist auf der Strecke ein Unfall passiert und deshalb stand unser Zug dort lange. So hatten wir ein wenig zusätzliche Zeit und schauten uns auf dem Bahnhof ein wenig um. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus – so viele Geschäfte und Sauberkeit.

Als ich in den Waggon zurückkehrte, hatten wir noch 10 Minuten bis zur Abfahrt. Auf einmal setzte sich der Zug in Bewegung – und mich überkam der Schreck: Nastja und Julija waren noch nicht im Waggon, sie blieben auf dem Bahnhof zurück! Oh mein Gott! Wie sollten sie mit dieser Situation fertig werden? Wie würden sie auf Deutsch erklären, dass der Zug ohne sie losfuhr? Unsere Lektorin Romy aber telefonierte einfach mit dem Bahnhof in Hannover und bat darum, die beiden ukrainischen Mädchen mit dem nächsten Zug nach Berlin hinterher zu schicken. Ich kann mir lebhaft vorstellen, was Nastja und Julija durchmachen mussten. Einfach ein Schock! Ein echter Kulturschock.

(c) Anna ZubIn Berlin stiegen wir aus dem Zug und erblickten sofort den berühmten Fernsehturm am Alex, den ich schon viele Male auf Fotos gesehen hatte. Unglaublich! Wie viel hatten wir schon von Berlin im Sprachunterricht an der Universität gelernt. Und nun steht das, was ich mir nur in meiner Phantasie vorstellen konnte, direkt vor meinen Augen. Aber noch viel mehr haben mich die "Punker" verblüfft. Sie hatten sich am Eingang zum Bahnhof geradewegs auf dem Asphalt eingerichtet. Und außer uns hat sie niemand beachtet!

Wir warteten auf den Zug aus Hannover mit Nastja und Julija und begaben uns erschöpft von der Reise und den Eindrücken in unser Hotel. Dort besprachen wir noch lange das unvorhergesehene Ereignis und unsere "Verlorengegangenen" erzählten mit Tränen in den Augen von ihren Erlebnissen. Da ist man das erste Mal in Deutschland und dann so was! Das wichtigste aber ist, dass sie sich zurecht gefunden und es nach Berlin geschafft haben. Bravo! Kurz gesagt, Landeskunde und Sprachpraxis in einem. Und zwar "live" und nicht im Unterricht.

Das ist sie also, die Hauptstadt …

Wie viele Kilometer wir letztlich durch Berlin liefen, weiß ich nicht. Aber im Gedächtnis behielten wir großartige Schlösser, Paläste und Kathedralen. Für mich als Musiker war es sehr interessant, direkt auf der Straße Musik zu hören. Ich konnte mir bis dahin nicht vorstellen, dass Künstler in solch großer Zahl auf der Straße auftreten und ihr Können zeigen. Sie spielten auf den verschiedensten Instrumenten und das so gut, dass es schwer war weiterzugehen. Ich stand da wie angewurzelt, und genoss die Musik und die Atmosphäre der Stadt. Und auf dem Platz neben dem "Berliner Dom" erst: da zeigten die Leute Kunststücke, tanzten und imitierten Statuen. Klasse!

(c) Romea KliewerRomy war besser als jeder Fremdenführer, sie zeigte uns interessante Orte und Sehenswürdigkeiten der Stadt. Wir waren auf dem "Stelenfeld", dem berühmten Denkmal für die Opfer des Holocaust. Ein unvergesslicher Eindruck. Auf einem riesigen Areal, so groß wie zwei Fußballfelder, stehen 2711 "Beton-Dominos" verschiedener Höhe (von 0,2 bis 4,7 Meter). Ich fand mich in einem steinernen Labyrinth wieder, aus dem man selbst heraus finden musste. Und die Fahrt auf der Spree war erst beeindruckend! Eine ganze Stunde sind wir auf dem Fluss unterwegs gewesen und bewunderten die malerischen Ausblicke. Aus den Lautsprechern kam dazu die Stimme des Stadtführers. Er erzählte über Berlin und ich dachte mir stolz: "Ich verstehe, wovon er spricht, nicht alle Kleinigkeiten zwar, aber ich verstehe ihn". Was für ein tolles Gefühl, eine Fremdsprache zu verstehen!

Zum Ende des zweiten (und damit leider auch letzten) Tages schien es mir, als hätte ich schon ganz Berlin gesehen. Das Brandenburger Tor, der Gendarmenmarkt, Unter den Linden und die gemütlichen Cafés mit italienischem Eis werden mir immer in Erinnerung bleiben. Und wie Romy sagte: "Ich wollte sehr, dass ihr fühlt, wie das Leben in Berlin pulsiert." Natürlich fühlten wir die "Berliner Luft" und mir scheint, der Stadt gegenüber gleichgültig zu sein, ist einfach unmöglich. Eine erstaunliche Stadt! Ich bin glücklich, dass sich meine Träume erfüllt haben und dass ich auch ein wenig ein Berliner bin.

Als wir nach Süddeutschland kamen, sah ich diesen berühmten "dunklen" Wald, den Schwarzwald, von dem mir die deutschen Studenten erzählt hatten. Einen ersten Eindruck von Freiburg sammelten wir auf einem Spaziergang durch die Stadt. Auf einem kleinen Platz neben einem Café erklangen zauberhafte Saxophon-Töne. Diese Melodie spiegelte genau die Romantik Freiburgs wieder, die ich die ganzen hier verbrachten Tage spürte. In Freiburg waren wir 6 Tage und von morgens bis abends arbeiteten wir intensiv mit den deutschen Studenten an unserem Projekt über die Schlacht von Poltawa. Abends luden uns unsere deutschen Freunde in die Disko, den Biergarten oder zu einem Studentenabend ein. Oder wir spielten alle zusammen Frisbee auf einem Platz, den wir deshalb auch einfach den "Frisbee-Platz" nannten. Am besten gefiel mir, dass wir in Freiburg dank der deutschen Studenten das richtige Studentenleben erfahren und erfühlen konnten. Wir fuhren morgens genauso wie sie mit dem Fahrrad in die Universität und kehrten abends ins Hostel zurück. Das war echt toll! Man wollte sich vom Fahrrad gar nicht mehr trennen.

Dann wurde es Zeit für das letzte Treffen mit den deutschen Freunden …

(c) Romea KliewerUngeachtet des Projektendes, erwartete uns noch einiges! Die Fahrt in die Schweiz (nach Basel) und nach Frankreich (nach Straßburg), die Stadt Köln und die Rückkehr in die Ukraine. Die Spaziergänge durch Basel und Straßburg eröffneten uns erneut neue Welten. Aber auf mich machte Deutschland so einen großen Eindruck, dass ich alles andere damit verglich. Die letzte deutsche Stadt vor der Heimreise war Köln mit einem Rundgang durch die Altstadt und eine Exkursion ins Schokoladenmuseum. Aber im Kopf hatte man schon den Rückflug in die Heimat. Wie Romy uns versprach, lernten wir tatsächlich auf dieser Reise verschiedene "Deutschlands" und verschieden deutsche Kulturen kennen.

Am Abend erwartete uns wieder ein rosa-farbenes Flugzeug. Es brachte uns nach Hause zu unseren Bekannten, Verwandten, Freunden und den von uns geliebten Menschen. Aber gleichzeitig riss es uns auch wieder heraus aus diesem Märchen. Aus diesen so wundervollen 10 Tagen.

Petro Marchenko (21)
studiert Internationale Wirtschaft in Poltawa. Er hat zwei große Leidenschaften: sein Saxophon und die deutsche Sprache. Am Projekt gefallen ihm neben dem Austausch von verschiedenen Meinungen und dem gemeinsamem Debattieren insbesondere das gemeinsame Musizieren.

Auch erschienen bei to4ka-treff.de – ein Projekt der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch und der Goethe-Institute der Region Osteuropa/Zentralasien: to4ka-treff

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