Seit
seiner Kindheit hat Petro davon geträumt, einmal nach Deutschland zu
fahren. Und plötzlich findet Petro sich auf dem Alex in Berlin wieder,
bestaunt den Fernsehturm und die Punker und fühlt die Berliner Luft...
Ein persönliches Märchen.
Ich
habe so sehr davon geträumt, einmal nach Deutschland zu kommen. Schon
in meiner Kindheit sammelte ich Fotos von deutschen Städten und hörte
einige Jahre lang Rammstein – ohne die Texte zu verstehen. Ich habe die
Worte einfach Til Lindemann nachgesprochen und träumte von Deutschland.
Und nun ist das Unmögliche dank der deutschen Stiftungen und unserer
Lektorin aus Deutschland möglich geworden.
In unserer
Universität in Poltawa arbeiteten bis dahin noch nie irgendwelche
Deutsche. Und auf einmal kam Romy nach Poltawa, eine Bosch-Lektorin,
und wir lernten Deutschland näher kennen. Wir unterhielten uns viel,
schauten Filme ("Goodbye Lenin") und sangen Lieder. Am meisten gefiel
unds das Lied "Guten Abend, meine Damen; guten Abend, meine Herren" und
wir lernten es alle auswendig.
Durch die Teilnahme am Projekt mit den deutschen Studenten,
kam es nun auch zu der Reise nach Deutschland. Bis zum letzten Moment
war es für mich praktisch nicht zu glauben. Aber dann hatte ich im Pass
schon mein Visum, die Flugtickets waren gekauft und die Koffer gepackt
… Also doch kein Traum! Wir flogen nach Deutschland und unsere Romy
zeigte uns Dortmund, Berlin, Freiburg und sogar die Schweiz. Kaum
vorzustellen, dass ich morgens in Poltawa aufgewacht war, tagsüber
durch Kiew lief, abends in Dortmund ankam und mich nachts in Berlin
wiederfand.
Kulturschock
- so viele Geschäfte und Sauberkeit!
Auf
dem Dortmunder Flughafen trafen uns die Freunde von Romy mit Sekt und
den Worten "Herzlich willkommen!". Für mich öffnete sich eine neue
Welt, die Welt der Sprache, die ich lerne und die ich so gerne
beherrschen möchte. Am gleichen Tag sind wir noch nach Berlin mit dem
Zug gefahren, mit einem großen und schönen Zug mit allem Komfort. In
Hannover ist auf der Strecke ein Unfall passiert und deshalb stand
unser Zug dort lange. So hatten wir ein wenig zusätzliche Zeit und
schauten uns auf dem Bahnhof ein wenig um. Ich kam aus dem Staunen
nicht mehr heraus – so viele Geschäfte und Sauberkeit.
Als ich
in den Waggon zurückkehrte, hatten wir noch 10 Minuten bis zur Abfahrt.
Auf einmal setzte sich der Zug in Bewegung – und mich überkam der
Schreck: Nastja und Julija waren noch nicht im Waggon, sie blieben auf
dem Bahnhof zurück! Oh mein Gott! Wie sollten sie mit dieser Situation
fertig werden? Wie würden sie auf Deutsch erklären, dass der Zug ohne
sie losfuhr? Unsere Lektorin Romy aber telefonierte einfach mit dem
Bahnhof in Hannover und bat darum, die beiden ukrainischen Mädchen mit
dem nächsten Zug nach Berlin hinterher zu schicken. Ich kann mir
lebhaft vorstellen, was Nastja und Julija durchmachen mussten. Einfach
ein Schock! Ein echter Kulturschock.

In
Berlin stiegen wir aus dem Zug und erblickten sofort den berühmten
Fernsehturm am Alex, den ich schon viele Male auf Fotos gesehen hatte.
Unglaublich! Wie viel hatten wir schon von Berlin im Sprachunterricht
an der Universität gelernt. Und nun steht das, was ich mir nur in
meiner Phantasie vorstellen konnte, direkt vor meinen Augen. Aber noch
viel mehr haben mich die "Punker" verblüfft. Sie hatten sich am Eingang
zum Bahnhof geradewegs auf dem Asphalt eingerichtet. Und außer uns hat
sie niemand beachtet!
Wir warteten auf den Zug aus Hannover
mit Nastja und Julija und begaben uns erschöpft von der Reise und den
Eindrücken in unser Hotel. Dort besprachen wir noch lange das
unvorhergesehene Ereignis und unsere "Verlorengegangenen" erzählten mit
Tränen in den Augen von ihren Erlebnissen. Da ist man das erste Mal in
Deutschland und dann so was! Das wichtigste aber ist, dass sie sich
zurecht gefunden und es nach Berlin geschafft haben. Bravo! Kurz
gesagt, Landeskunde und Sprachpraxis in einem. Und zwar "live" und
nicht im Unterricht.
Das ist sie also, die Hauptstadt …
Wie viele Kilometer wir letztlich durch Berlin liefen, weiß
ich nicht. Aber im Gedächtnis behielten wir großartige Schlösser,
Paläste und Kathedralen. Für mich als Musiker war es sehr interessant,
direkt auf der Straße Musik zu hören. Ich konnte mir bis dahin nicht
vorstellen, dass Künstler in solch großer Zahl auf der Straße auftreten
und ihr Können zeigen. Sie spielten auf den verschiedensten
Instrumenten und das so gut, dass es schwer war weiterzugehen. Ich
stand da wie angewurzelt, und genoss die Musik und die Atmosphäre der
Stadt. Und auf dem Platz neben dem "Berliner Dom" erst: da zeigten die
Leute Kunststücke, tanzten und imitierten Statuen. Klasse!

Romy
war besser als jeder Fremdenführer, sie zeigte uns interessante Orte
und Sehenswürdigkeiten der Stadt. Wir waren auf dem "Stelenfeld", dem
berühmten Denkmal für die Opfer des Holocaust. Ein unvergesslicher
Eindruck. Auf einem riesigen Areal, so groß wie zwei Fußballfelder,
stehen 2711 "Beton-Dominos" verschiedener Höhe (von 0,2 bis 4,7 Meter).
Ich fand mich in einem steinernen Labyrinth wieder, aus dem man selbst
heraus finden musste.
Und die Fahrt auf der Spree war erst beeindruckend! Eine ganze Stunde
sind wir auf dem Fluss unterwegs gewesen und bewunderten die
malerischen Ausblicke. Aus den Lautsprechern kam dazu die Stimme des
Stadtführers. Er erzählte über Berlin und ich dachte mir stolz: "Ich
verstehe, wovon er spricht, nicht alle Kleinigkeiten zwar, aber ich
verstehe ihn". Was für ein tolles Gefühl, eine Fremdsprache zu
verstehen!
Zum Ende des zweiten (und damit leider auch letzten) Tages
schien es mir, als hätte ich schon ganz Berlin gesehen. Das
Brandenburger Tor, der Gendarmenmarkt, Unter den Linden und die
gemütlichen Cafés mit italienischem Eis werden mir immer in Erinnerung
bleiben. Und wie Romy sagte: "Ich wollte sehr, dass ihr fühlt, wie das
Leben in Berlin pulsiert." Natürlich fühlten wir die "Berliner Luft"
und mir scheint, der Stadt gegenüber gleichgültig zu sein, ist einfach
unmöglich. Eine erstaunliche Stadt! Ich bin glücklich, dass sich meine
Träume erfüllt haben und dass ich auch ein wenig ein Berliner bin.
Als wir nach Süddeutschland kamen, sah ich diesen berühmten
"dunklen" Wald, den Schwarzwald, von dem mir die deutschen Studenten
erzählt hatten. Einen ersten Eindruck von Freiburg sammelten wir auf
einem Spaziergang durch die Stadt. Auf einem kleinen Platz neben einem
Café erklangen zauberhafte Saxophon-Töne. Diese Melodie spiegelte genau
die Romantik Freiburgs wieder, die ich die ganzen hier verbrachten Tage
spürte. In Freiburg waren wir 6 Tage und von morgens bis abends
arbeiteten wir intensiv mit den deutschen Studenten an unserem Projekt
über die Schlacht von Poltawa. Abends luden uns unsere deutschen
Freunde in die Disko, den Biergarten oder zu einem Studentenabend ein.
Oder wir spielten alle zusammen Frisbee auf einem Platz, den wir
deshalb auch einfach den "Frisbee-Platz" nannten. Am besten gefiel mir,
dass wir in Freiburg dank der deutschen Studenten das richtige
Studentenleben erfahren und erfühlen konnten. Wir fuhren morgens
genauso wie sie mit dem Fahrrad in die Universität und kehrten abends
ins Hostel zurück. Das war echt toll! Man wollte sich vom Fahrrad gar
nicht mehr trennen.
Dann wurde es Zeit für das letzte Treffen mit den deutschen Freunden …

Ungeachtet
des Projektendes, erwartete uns noch einiges! Die Fahrt in die Schweiz
(nach Basel) und nach Frankreich (nach Straßburg), die Stadt Köln und
die Rückkehr in die Ukraine. Die Spaziergänge durch Basel und Straßburg
eröffneten uns erneut neue Welten. Aber auf mich machte Deutschland so
einen großen Eindruck, dass ich alles andere damit verglich. Die letzte
deutsche Stadt vor der Heimreise war Köln mit einem Rundgang durch die
Altstadt und eine Exkursion ins Schokoladenmuseum. Aber im Kopf hatte
man schon den Rückflug in die Heimat. Wie Romy uns versprach, lernten
wir tatsächlich auf dieser Reise verschiedene "Deutschlands" und
verschieden deutsche Kulturen kennen.
Am Abend erwartete uns wieder ein rosa-farbenes Flugzeug. Es
brachte uns nach Hause zu unseren Bekannten, Verwandten, Freunden und
den von uns geliebten Menschen. Aber gleichzeitig riss es uns auch
wieder heraus aus diesem Märchen. Aus diesen so wundervollen 10 Tagen.
Auch erschienen bei to4ka-treff.de – ein Projekt der Stiftung
Deutsch-Russischer Jugendaustausch und der Goethe-Institute der Region
Osteuropa/Zentralasien: to4ka-treff