Der goldene Faden Freundschaft

Wie ein Schwede bei Poltawa

16.11.2009 11:01

Was macht ein gutes Projekt aus? Vieles! Und insbesondere Freundschaft! Über unsere ukrainisch-deutsche Begegnung…

"Feste Freundschaft zerbricht nicht, wird nicht aufgeweicht von Regen und Schneesturm …" – kommen mir ein paar Zeilen aus einem Kinderlied in den Sinn.. Erinnern wir uns also an diesen schönen Frühlingstag, als die Freundschaft zwischen ukrainischen und deutschen Studenten begann, die zusammen in einem Projekt über die Schlacht von Poltawa arbeiteten. Drei Tage lang tauchten wir ab in eine Welt, in der die Legenden über Ivan Mazepa, Karl XII., über ihre tapferen Armeen und blutige Gefechte wieder auflebten. Wir waren nur ganze drei Tage zusammen, aber es schien, als ob wir uns schon eine ganze Ewigkeit kannten – so leicht fiel es uns, gemeinsam zu arbeiten und miteinander zu reden.

(c) Romea Kliewer Schon lange vor der Ankunft der deutschen Studenten verausgabte sich die ganze ukrainische Gruppe - bestehend aus fünf ausgelassenen jungen Damen (2 mal Olga, Tanja, Anja und Nastja), dem talentierten Musiker Petja und den wunderbaren Projektleitern Romea Kliewer und E.I. Kobsar’ – mit Fragen darüber, was für Leute diese deutschen Studenten und ihr Professor sein könnten, wie sie aussähen, wie sie sich beim ersten Treffen mit uns benehmen würden und ob ihnen die Ukraine gefällt. Und glaubt mir, diese Fragen waren für uns äußerst wichtig, war es doch für alle ukrainischen Studenten das allererste internationale Projekt.

Alles was wir wussten, war, dass die Deutschen älter als wir sein werden und nicht Ökonomie wie wir, sondern Geschichte studieren. Unsere Vorstellungen waren in etwa so: wenn sie Historiker sind, lesen und wissen sie viel und folglich werden sie uns "belehren". Sie sind wahrscheinlich auch ziemlich ernsthaft, also wird uns langweilig sein und außer über Geschichte kann man mit ihnen über gar nichts reden. Und da kam dann Romea dazu und beruhigte uns: sowohl wir, als auch sie sind fröhliche junge Leute, die eine tolle Zeit verbringen wollen, viel neues Wissen erlangen und neue Freunde kennen lernen wollen.

Die Zeit ist so rasch verflogen, dass der Kalender im Handumdrehen den 21. Mai zeigte, den Tag, an dem sich zwei Gruppen junger Forscher zum ersten Mal auf ukrainischem Boden trafen.

Beim Treffen waren wir alle so aufgeregt, dass wir wohl so zwei Minuten uns gegenseitig mit einem steifen Lächeln musterten, als wenn wir von unterschiedlichen Planeten kämen. In diesen zwei Minuten sagten wir kein Wort, aber die Augen sprachen für sich: sie waren voll Glück, Übermut, Vorfreude und Interesse, was uns weiter erwarten würde. Tatsächlich folgte eine angenehme Kennenlern-Runde, in dessen Verlauf die Projektteilnehmer sich gegenseitig ausfragten über das Studium, die gegenseitigen Interessen und Beschäftigungen und über Deutschland und die Ukraine im ganzen.

(c) Romea KliewerNun erfuhren wir auch erstmals die Namen der deutschen Studenten. Sie klangen für uns ziemlich seltsam und ungewöhnlich, aber sie zu vergessen war unmöglich: Malte, Clara, Laura, Julian, Kristina, Sebastian (der aus bestimmten Gründen erst spät am Abend ankam) und natürlich Dr. Guido Hausmann. Nachdem wir schon eine Menge toller Eindrücke und echtes Vergnügen mit unseren ersten Gesprächen hatten, schlugen wir mit ukrainischer Gastfreundschaft unseren Gästen vor, typische Poltawaer Süßigkeiten und Gebäck zu probieren. Sie waren mit Freuden einverstanden und so setzen wir, leckere Kekse und Pralinen essend, unsere Gespräche fort. Seltsam, aber sich mit ihnen zu unterhalten fiel uns überhaupt nicht schwer, waren die Deutschen doch echt klasse, offenherzig und lustig. Sie verstanden alle recht schnell den ukrainischen Humor und wir übernahmen von ihnen ihre deutschen Späße und alle möglichen interessanten Wörtchen, die einem im Unterricht leider nicht beigebracht werden.

Es war großartig, dass unser Projekt tatsächlich international wurde, denn einige von den Deutschen konnten Russisch und so merkten wir überhaupt nichts von einer Sprachbarriere. Wir unterhielten uns mal auf Deutsch, mal auf Russisch, mal auf Englisch und brachten auch unsere Muttersprache Ukrainisch mit ein. Schon gegen Ende des ersten Abends konnten unsere neuen Freunde "Привіт", "На добраніч" und "Дякую" sagen und sogar das von uns während des ersten gemeinsamen Arbeitstages so häufig benutzte "Будьмо!".

(c) Romea KliewerIn dieser deutsch-ukrainischen Euphorie bemerkten wir gar nicht, wie schnell der erste wunderbare und zugleich sehr schwere und reichhaltige Tag verging. Hatten wir doch neben unserem fröhlichen Beisammensein, dem Austausch von Eindrücken, dem Erzählen von lustigen Geschichten und dem Fotografieren auch noch sehr viel zu arbeiten. Wir hörten die Einführung unserer Dozenten zum Projekt, machten eine Exkursion durch die Stadt, bei der wir alle Denkmäler zeigten, die mit der Schlacht von Poltawa zu tun haben; wir berichteten über ihre Geschichte und fuhren sogar auf das Schlachtfeld, wo wir unseren historischen Exkurs fortsetzten. Alles in allem, haben wir wirklich gut gearbeitet. Aber wie dem auch sei, am Abend bekamen wir eine super Belohnung: ein Ausflug in das angesagteste Restaurant im ganzen Poltawaer Gebiet, "Dikan’ka", das seinen Namen N.V. Gogol’ und seinem unsterblichen Werk "Abende auf dem Weiler bei Dikanka" zu verdanken hat.

Schade natürlich, dass ein Tag nur 24 Stunden hat und unser erster Arbeitstag so schnell verging. Erfreulich war aber, dass wir überhaupt keine Erschöpfung spürten, und das bedeutet, dass alles hervorragend verlaufen ist. Sogar mehr als das! Als wir abends zurückkehrten, sangen wir Lieder in allen uns bekannten Sprachen, amüsierten uns weiter von ganzem Herzen, machten Witze, alberten laut herum und so weiter.

Mir scheint, wir alle haben dabei gelernt, dass die Bedingung für den Erfolg einer jeden Sache wie auch unseres Projektes ist, dass man füreinander Verständnis und Respekt aufbringt, Kompromisse findet – aber auch strahlendes Lächeln und viel Lachen. Man sollte sich daran erinnern, dass die Freundschaft selbst die Menschen nicht in Deutsche und Ukrainer, Schweden und Russen, Amerikaner und Franzosen unterteilt und nicht nach Alter und Status aussucht. Sie verbindet einfach mit ihrem feinen goldenen Faden diejenigen, die in jeder Situation sie selbst bleiben, diejenigen, die Unterstützung anbieten und zu jeder Zeit helfen. Das wichtigste ist, seinen Faden nicht los zu lassen, nicht zu vergessen, dass du irgendwo da an seinem anderen Ende einen Menschen hast, den du deinen Freund nennen kannst. Und ich hoffe sehr, dass weder die ukrainischen noch die deutschen Studenten ihren Faden verlieren.

Yulia Rybachok (19)
studiert Internationale Wirtschaft in Poltawa.
Yulia ist neugierig darauf, die Meinungen anderer Menschen über die Bedeutung der Schlacht von Poltawa für die Ukraine kennenzulernen und hofft, dass sich so der Vorhang, hinter dem sich die Ukrainische Geschichte verbirgt, ein wenig heben wird.

Auch erschienen bei to4ka-treff.de – ein Projekt der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch und der Goethe-Institute der Region Osteuropa/Zentralasien: to4ka-treff

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