Was macht ein gutes Projekt aus? Vieles! Und insbesondere Freundschaft! Über unsere ukrainisch-deutsche Begegnung…
"Feste
Freundschaft zerbricht nicht, wird nicht aufgeweicht von Regen und
Schneesturm …" – kommen mir ein paar Zeilen aus einem Kinderlied in den
Sinn.. Erinnern wir uns also an diesen schönen Frühlingstag, als die
Freundschaft zwischen ukrainischen und deutschen Studenten begann, die
zusammen in einem Projekt über die Schlacht von Poltawa arbeiteten.
Drei Tage lang tauchten wir ab in eine Welt, in der die Legenden über
Ivan Mazepa, Karl XII., über ihre tapferen Armeen und blutige Gefechte
wieder auflebten. Wir waren nur ganze drei Tage zusammen, aber es
schien, als ob wir uns schon eine ganze Ewigkeit kannten – so leicht
fiel es uns, gemeinsam zu arbeiten und miteinander zu reden.

Schon lange vor der Ankunft der deutschen Studenten verausgabte sich
die ganze ukrainische Gruppe - bestehend aus fünf ausgelassenen jungen
Damen (2 mal Olga, Tanja, Anja und Nastja), dem talentierten Musiker
Petja und den wunderbaren Projektleitern Romea Kliewer und E.I. Kobsar’
– mit Fragen darüber, was für Leute diese deutschen Studenten und ihr
Professor sein könnten, wie sie aussähen, wie sie sich beim ersten
Treffen mit uns benehmen würden und ob ihnen die Ukraine gefällt. Und
glaubt mir, diese Fragen waren für uns äußerst wichtig, war es doch für
alle ukrainischen Studenten das allererste internationale Projekt.
Alles
was wir wussten, war, dass die Deutschen älter als wir sein werden und
nicht Ökonomie wie wir, sondern Geschichte studieren. Unsere
Vorstellungen waren in etwa so: wenn sie Historiker sind, lesen und
wissen sie viel und folglich werden sie uns "belehren". Sie sind
wahrscheinlich auch ziemlich ernsthaft, also wird uns langweilig sein
und außer über Geschichte kann man mit ihnen über gar nichts reden. Und
da kam dann Romea dazu und beruhigte uns: sowohl wir, als auch sie sind
fröhliche junge Leute, die eine tolle Zeit verbringen wollen, viel
neues Wissen erlangen und neue Freunde kennen lernen wollen.
Die Zeit ist so rasch verflogen, dass der Kalender im
Handumdrehen den 21. Mai zeigte, den Tag, an dem sich zwei Gruppen
junger Forscher zum ersten Mal auf ukrainischem Boden trafen.
Beim Treffen waren wir alle so aufgeregt, dass wir wohl so
zwei Minuten uns gegenseitig mit einem steifen Lächeln musterten, als
wenn wir von unterschiedlichen Planeten kämen. In diesen zwei Minuten
sagten wir kein Wort, aber die Augen sprachen für sich: sie waren voll
Glück, Übermut, Vorfreude und Interesse, was uns weiter erwarten würde.
Tatsächlich folgte eine angenehme Kennenlern-Runde, in dessen Verlauf
die Projektteilnehmer sich gegenseitig ausfragten über das Studium, die
gegenseitigen Interessen und Beschäftigungen und über Deutschland und
die Ukraine im ganzen.

Nun
erfuhren wir auch erstmals die Namen der deutschen Studenten. Sie
klangen für uns ziemlich seltsam und ungewöhnlich, aber sie zu
vergessen war unmöglich: Malte, Clara, Laura, Julian, Kristina,
Sebastian (der aus bestimmten Gründen erst spät am Abend ankam) und
natürlich Dr. Guido Hausmann. Nachdem wir schon eine Menge toller
Eindrücke und echtes Vergnügen mit unseren ersten Gesprächen hatten,
schlugen wir mit ukrainischer Gastfreundschaft unseren Gästen vor,
typische Poltawaer Süßigkeiten und Gebäck zu probieren. Sie waren mit
Freuden einverstanden und so setzen wir, leckere Kekse und Pralinen
essend, unsere Gespräche fort. Seltsam, aber sich mit ihnen zu
unterhalten fiel uns überhaupt nicht schwer, waren die Deutschen doch
echt klasse, offenherzig und lustig. Sie verstanden alle recht schnell
den ukrainischen Humor und wir übernahmen von ihnen ihre deutschen
Späße und alle möglichen interessanten Wörtchen, die einem im
Unterricht leider nicht beigebracht werden.
Es war großartig,
dass unser Projekt tatsächlich international wurde, denn einige von den
Deutschen konnten Russisch und so merkten wir überhaupt nichts von
einer Sprachbarriere. Wir unterhielten uns mal auf Deutsch, mal auf
Russisch, mal auf Englisch und brachten auch unsere Muttersprache
Ukrainisch mit ein. Schon gegen Ende des ersten Abends konnten unsere
neuen Freunde "Привіт", "На добраніч" und "Дякую" sagen und sogar das
von uns während des ersten gemeinsamen Arbeitstages so häufig benutzte
"Будьмо!".

In
dieser deutsch-ukrainischen Euphorie bemerkten wir gar nicht, wie
schnell der erste wunderbare und zugleich sehr schwere und reichhaltige
Tag verging. Hatten wir doch neben unserem fröhlichen Beisammensein,
dem Austausch von Eindrücken, dem Erzählen von lustigen Geschichten und
dem Fotografieren auch noch sehr viel zu arbeiten. Wir hörten die
Einführung unserer Dozenten zum Projekt, machten eine Exkursion durch
die Stadt, bei der wir alle Denkmäler zeigten, die mit der Schlacht von
Poltawa zu tun haben; wir berichteten über ihre Geschichte und fuhren
sogar auf das Schlachtfeld, wo wir unseren historischen Exkurs
fortsetzten. Alles in allem, haben wir wirklich gut gearbeitet. Aber
wie dem auch sei, am Abend bekamen wir eine super Belohnung: ein
Ausflug in das angesagteste Restaurant im ganzen Poltawaer Gebiet,
"Dikan’ka", das seinen Namen N.V. Gogol’ und seinem unsterblichen Werk
"Abende auf dem Weiler bei Dikanka" zu verdanken hat.
Schade natürlich, dass ein Tag nur 24 Stunden hat und unser
erster Arbeitstag so schnell verging. Erfreulich war aber, dass wir
überhaupt keine Erschöpfung spürten, und das bedeutet, dass alles
hervorragend verlaufen ist. Sogar mehr als das! Als wir abends
zurückkehrten, sangen wir Lieder in allen uns bekannten Sprachen,
amüsierten uns weiter von ganzem Herzen, machten Witze, alberten laut
herum und so weiter.
Mir scheint, wir alle haben dabei gelernt, dass die Bedingung
für den Erfolg einer jeden Sache wie auch unseres Projektes ist, dass
man füreinander Verständnis und Respekt aufbringt, Kompromisse findet –
aber auch strahlendes Lächeln und viel Lachen. Man sollte sich daran
erinnern, dass die Freundschaft selbst die Menschen nicht in Deutsche
und Ukrainer, Schweden und Russen, Amerikaner und Franzosen unterteilt
und nicht nach Alter und Status aussucht. Sie verbindet einfach mit
ihrem feinen goldenen Faden diejenigen, die in jeder Situation sie
selbst bleiben, diejenigen, die Unterstützung anbieten und zu jeder
Zeit helfen. Das wichtigste ist, seinen Faden nicht los zu lassen,
nicht zu vergessen, dass du irgendwo da an seinem anderen Ende einen
Menschen hast, den du deinen Freund nennen kannst. Und ich hoffe sehr,
dass weder die ukrainischen noch die deutschen Studenten ihren Faden
verlieren.
Auch erschienen bei to4ka-treff.de – ein Projekt der Stiftung
Deutsch-Russischer Jugendaustausch und der Goethe-Institute der Region
Osteuropa/Zentralasien: to4ka-treff