Poltawa aus der europäischen Perspektive

Wie ein Schwede bei Poltawa

16.11.2009 10:59

Ein Gang um das Schlachtfeld und die Erinnerungsstätten der Schlacht von Poltawa erwecken den Eindruck, dass es sich bei diesem Ereignis zu aller erst um eines von regionaler Bedeutung handelt. Tatsächlich handelt es sich bei der Schlacht, die gemeinhin als Wendepunkt im "Großen Nordischen Krieg", gesehen wird, um ein zutiefst europäisches Ereignis. Wie aber kann man das Gedenken an Poltawa in eine größere europäische Perspektive einbinden?

Ein Rückblick: Ursprung, Verlauf und Konsequenzen von 1709
(c) http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/39/Battle_of_Narva_1700.JPG

Als der 15 Jahre alte Karl XII. 1697 den schwedischen Thron bestieg, sahen einige der Nachbarländer endlich die Zeit gekommen, die schwedische Vormachtstellung zu zerschlagen und ein neues Kapitel im Kampf um die Vormachtstellung an der Ostsee aufzuschlagen. So kam es, dass eine Koalition aus Dänemark, Sachsen/Polen und Russland im Jahr 1700 gegen den jungen Monarchen in den Krieg zog. Allerdings unterschätzten sie die Fähigkeiten ihres Gegners. Mit Unterstützung der britischen Marine und finanzieller Hilfe aus Frankreich, besiegte Karl Dänemark im ersten Kriegsjahr. Kurze Zeit später, im November 1700, erlitt die Armee Peter I. während der Schlacht von Narwa eine schwere Niederlage.

Die Tatsache, dass Karl nach diesem Sieg nicht weiter gegen Russland zog, wird gemeinhin als sein erster, entscheidender strategischer Fehler gesehen. Stattdessen wandte er sich gegen Sachsen und Polen. An dieser Front gelang ihm jedoch vor 1706 kein Sieg; eine kritische Zeit, die Zar Peter dazu nutzte, um seine Armee wieder aufzubauen und militärische Operationen in der Ostseeregion durchzuführen. Im Jahr 1707 schließlich, wandte sich Karl seinem letzten noch verbliebenen Feind zu. Trotz anfänglicher Siege misslang der Vorstoß Richtung Moskau, vor allem aufgrund der russischen Strategie der verbrannten Erde. Eine geschwächte schwedische Armee stieß Richtung Süden vor und verbündete sich mit den Kosaken Mazepas.

Im Jahr 1709 kam es endlich zum lang erwarteten Kampf zwischen den feindlichen Parteien, der das wohlbekannte Ende fand. Die Neuigkeiten der schwedischen Niederlage führten zu einem Wiedereintritt Dänemarks und Polen/Sachens in den Konflikt. Der Hauptschauplatz des Krieges verlagerte sich dadurch erneut nach Norddeutschland, wo die Koalition der Alliierten – inzwischen waren ihr auch einige deutsche Herrscher beigetreten, unter ihnen auch Preußen – , die Gelegenheit nutzten, um die schwedische Vormachtstellung über die Südseite der Ostsee zu beenden.

Das Erbe des Krieges: Machtverlagerung in Europa

Trotz dieser Entwicklung dauerten der Nordische Krieg und der Niedergang Schwedens noch 13 Jahre an, bis eine Reihe von Verträgen zwischen der Vielzahl der beteiligten Partner ein Ende der Feindseligkeiten brachte. Das sichtbarste Ergebnis dieses Konflikts: Russland ersetzte Schweden als Hegemonialmacht in der Ostseeregion.

Aber der Krieg zog langfristige Veränderungen nach sich: Russland tauchte als politische und militärische Großmacht auf der europäischen Bühne auf und die Machtverhältnisse der europäischen Diplomatie begannen sich zugunsten eines Systems der Pentarchie (griechisch: Fünfherrschaft) zu verschieben: Frankreich, Großbritannien und Österreichs als bereits etablierte Mächte und Preußen und Russland als neu aufsteigende Mächte im Osten. Dieses System sollte die europäische Politik während des 18. und 19. Jahrhunderts formen.

Taucht eine neue Facette der Erinnerung auf?
(c) http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a4/Nordic_war_bse.jpg

Die Schlacht von Poltawa markiert den entscheidenden Wendepunkt in einem Krieg, der für viele Umwälzungen in der politischen Landschaft Europas verantwortlich war. Man kann die Schlacht folglich durchaus als Ereignis von herausragender europäischer Bedeutung sehen. Aber wie kann es gelingen, eine europäische Sichtweise in das Gedenken an die Schlacht zu integrieren?

Bislang hat die Schlacht von Poltawa in Westeuropa keine besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Sie ist vielmehr unter Historikern, die sich auf Osteuropäische Geschichte spezialisiert haben, ein bekanntes Ereignis, der breiten Öffentlichkeit jedoch meist völlig unbekannt. Dies rührt möglicherweise auch daher, dass sowohl die Geschichtsschreibung als auch ihre Vermittlung in Schulen und Universitäten sehr stark national geprägt waren. Daraus ergibt sich, dass die Schlacht von Poltawa eher in Ländern wie Russland, die Ukraine, Schweden und Polen, die seinerzeit direkt involviert waren, bekannt ist, jedoch bei Menschen aus den westlichen Ländern größtenteils unbekannt ist.

Dennoch gibt es einige Anzeichen, dass dieser nationale Fokus im Wandel begriffen ist und neue Schichten der Erinnerung an die Oberfläche gelangen. Die Gründung der Europäischen Union im Jahr 1992 begünstigte einen europäischen Blick auf die Geschichte. Durch diesen Prozess gerieten nationale Geschichtsschreibungen unter Druck. So wurden in einem kürzlich veröffentlichten deutsch-französischen Geschichtsbuch die historischen Perspektiven beider Länder zusammengeführt, die bislang über Jahrhunderte getrennt voneinander behandelt wurden.

Der gleiche Prozess kann auch bei Universitäten beobachtet werden, wo Vorlesungen zur Europäischen Geschichte und Kurse, die eine vergleichende Betrachtung historischer Ereignisse vornehmen, große Beachtung finden. In diesem Zusammenhang ist die Schlacht von Poltawa prädestiniert, eine wichtige Stellung in dem sich immer noch entwickelnden Feld der Geschichtsschreibung einzunehmen. Die Schlacht ist, wie dargelegt wurde, ein zutiefst europäisches Ereignis. Dieses Projekt (gemeint ist die ukrainisch-deutsche Geschichtswerktstatt, Anm. der Redaktion) kann also möglicherweise als erster Schritt dienen, um eine weitere Facette der Erinnerung dieses Ereignisses aus europäischer Sicht hinzuzufügen.

Malte Liewerscheidt (24),
steht kurz vor Abschluss seines Magisterstudiums in Politik, Geschichte und BWL. Er interessiert sich generell für Osteuropa, seine Geschichte und aktuelle Entwicklungen.

Auch erschienen bei to4ka-treff.de – ein Projekt der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch und der Goethe-Institute der Region Osteuropa/Zentralasien: to4ka-treff

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