Ein
Gang um das Schlachtfeld und die Erinnerungsstätten der Schlacht von
Poltawa erwecken den Eindruck, dass es sich bei diesem Ereignis zu
aller erst um eines von regionaler Bedeutung handelt. Tatsächlich
handelt es sich bei der Schlacht, die gemeinhin als Wendepunkt im
"Großen Nordischen Krieg", gesehen wird, um ein zutiefst europäisches
Ereignis. Wie aber kann man das Gedenken an Poltawa in eine größere
europäische Perspektive einbinden?
Ein Rückblick: Ursprung, Verlauf und Konsequenzen von 1709

Als
der 15 Jahre alte Karl XII. 1697 den schwedischen Thron bestieg, sahen
einige der Nachbarländer endlich die Zeit gekommen, die schwedische
Vormachtstellung zu zerschlagen und ein neues Kapitel im Kampf um die
Vormachtstellung an der Ostsee aufzuschlagen. So kam es, dass eine
Koalition aus Dänemark, Sachsen/Polen und Russland im Jahr 1700 gegen
den jungen Monarchen in den Krieg zog. Allerdings unterschätzten sie
die Fähigkeiten ihres Gegners. Mit Unterstützung der britischen Marine
und finanzieller Hilfe aus Frankreich, besiegte Karl Dänemark im ersten
Kriegsjahr. Kurze Zeit später, im November 1700, erlitt die Armee Peter
I. während der Schlacht von Narwa eine schwere Niederlage.
Die Tatsache, dass Karl nach diesem Sieg nicht weiter gegen
Russland zog, wird gemeinhin als sein erster, entscheidender
strategischer Fehler gesehen. Stattdessen wandte er sich gegen Sachsen
und Polen. An dieser Front gelang ihm jedoch vor 1706 kein Sieg; eine
kritische Zeit, die Zar Peter dazu nutzte, um seine Armee wieder
aufzubauen und militärische Operationen in der Ostseeregion
durchzuführen. Im Jahr 1707 schließlich, wandte sich Karl seinem
letzten noch verbliebenen Feind zu. Trotz anfänglicher Siege misslang
der Vorstoß Richtung Moskau, vor allem aufgrund der russischen
Strategie der verbrannten Erde. Eine geschwächte schwedische Armee
stieß Richtung Süden vor und verbündete sich mit den Kosaken Mazepas.
Im Jahr 1709 kam es endlich zum lang erwarteten Kampf zwischen
den feindlichen Parteien, der das wohlbekannte Ende fand. Die
Neuigkeiten der schwedischen Niederlage führten zu einem Wiedereintritt
Dänemarks und Polen/Sachens in den Konflikt. Der Hauptschauplatz des
Krieges verlagerte sich dadurch erneut nach Norddeutschland, wo die
Koalition der Alliierten – inzwischen waren ihr auch einige deutsche
Herrscher beigetreten, unter ihnen auch Preußen – , die Gelegenheit
nutzten, um die schwedische Vormachtstellung über die Südseite der
Ostsee zu beenden.
Das Erbe des Krieges: Machtverlagerung in Europa
Trotz dieser Entwicklung dauerten der Nordische Krieg und
der Niedergang Schwedens noch 13 Jahre an, bis eine Reihe von Verträgen
zwischen der Vielzahl der beteiligten Partner ein Ende der
Feindseligkeiten brachte. Das sichtbarste Ergebnis dieses Konflikts:
Russland ersetzte Schweden als Hegemonialmacht in der Ostseeregion.
Aber der Krieg zog langfristige Veränderungen nach sich:
Russland tauchte als politische und militärische Großmacht auf der
europäischen Bühne auf und die Machtverhältnisse der europäischen
Diplomatie begannen sich zugunsten eines Systems der Pentarchie
(griechisch: Fünfherrschaft) zu verschieben: Frankreich, Großbritannien
und Österreichs als bereits etablierte Mächte und Preußen und Russland
als neu aufsteigende Mächte im Osten. Dieses System sollte die
europäische Politik während des 18. und 19. Jahrhunderts formen.
Taucht eine neue Facette der Erinnerung auf?

Die
Schlacht von Poltawa markiert den entscheidenden Wendepunkt in einem
Krieg, der für viele Umwälzungen in der politischen Landschaft Europas
verantwortlich war. Man kann die Schlacht folglich durchaus als
Ereignis von herausragender europäischer Bedeutung sehen. Aber wie kann
es gelingen, eine europäische Sichtweise in das Gedenken an die
Schlacht zu integrieren?
Bislang hat die Schlacht von Poltawa in Westeuropa keine
besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Sie ist vielmehr unter
Historikern, die sich auf Osteuropäische Geschichte spezialisiert
haben, ein bekanntes Ereignis, der breiten Öffentlichkeit jedoch meist
völlig unbekannt. Dies rührt möglicherweise auch daher, dass sowohl die
Geschichtsschreibung als auch ihre Vermittlung in Schulen und
Universitäten sehr stark national geprägt waren. Daraus ergibt sich,
dass die Schlacht von Poltawa eher in Ländern wie Russland, die
Ukraine, Schweden und Polen, die seinerzeit direkt involviert waren,
bekannt ist, jedoch bei Menschen aus den westlichen Ländern
größtenteils unbekannt ist.
Dennoch gibt es einige Anzeichen, dass dieser nationale Fokus
im Wandel begriffen ist und neue Schichten der Erinnerung an die
Oberfläche gelangen. Die Gründung der Europäischen Union im Jahr 1992
begünstigte einen europäischen Blick auf die Geschichte. Durch diesen
Prozess gerieten nationale Geschichtsschreibungen unter Druck. So
wurden in einem kürzlich veröffentlichten deutsch-französischen
Geschichtsbuch die historischen Perspektiven beider Länder
zusammengeführt, die bislang über Jahrhunderte getrennt voneinander
behandelt wurden.
Der gleiche Prozess kann auch bei Universitäten beobachtet
werden, wo Vorlesungen zur Europäischen Geschichte und Kurse, die eine
vergleichende Betrachtung historischer Ereignisse vornehmen, große
Beachtung finden. In diesem Zusammenhang ist die Schlacht von Poltawa
prädestiniert, eine wichtige Stellung in dem sich immer noch
entwickelnden Feld der Geschichtsschreibung einzunehmen. Die Schlacht
ist, wie dargelegt wurde, ein zutiefst europäisches Ereignis. Dieses
Projekt (gemeint ist die ukrainisch-deutsche Geschichtswerktstatt, Anm.
der Redaktion) kann also möglicherweise als erster Schritt dienen, um
eine weitere Facette der Erinnerung dieses Ereignisses aus europäischer
Sicht hinzuzufügen.
Auch erschienen bei to4ka-treff.de – ein Projekt der Stiftung
Deutsch-Russischer Jugendaustausch und der Goethe-Institute der Region
Osteuropa/Zentralasien: to4ka-treff