
Schauen
wir aber zunächst kurz ins Geschichtsbuch: Das 100-jährige Jubiläum der
Schlacht wurde kaum gefeiert, weil in Russland weder moralische noch
materielle Ressourcen dafür zur Verfügung standen – man befand sich im
Krieg mit Napoleon. Erst 1811 wurde im Zentrum der Stadt ein Denkmal
enthüllt. Dafür wurde das 200-jährige Jubiläum prächtig und groß
begangen: An diesem Tag wurden von den Russen auf dem Schlachtfeld auch
alle wichtigen Denkmäler errichtet (für den Oberst A. Kelin, für Peter
I., für die gefallenen Schweden und das Museum zur Schlacht), während
von schwedischer Seite ein Monument auf dem Grab schwedischer
Gefallener erbaut wurde.
Solch eine großangelegte und
effektvolle Feier des russischen Sieges und der Stärke der russischen
Armee war unbedingt nötig, um den Kampfgeist der Soldaten zu erhöhen,
die noch müde von der Niederlage im russisch-japanischen Krieg waren.
Selbst der Zar reiste extra an. Und auch der 250. Jahrestag, der in die
"Tauwetter"-Periode unter Chruschtschow fiel, wurde mit Salutschüssen
und einem Feuerwerk begangen. Damals, zur Zarenzeit und in der
Sowjetunion, war noch alles eindeutig – ein Land und ein Sieg, den es
zu feiern galt.
Nach 1991 änderte sich die Situation, denn ein
neuer Staat betrat die politische Arena: eine unabhängige Ukraine mit
eigener nationaler Idee und einem eigenen Selbstbildnis.
Während sich Russland für den Sieger der Schlacht und damit auch für
den Befreier der Ukraine hält, kommt die ukrainische
Geschichtsschreibung zu einem anderen Schluss: Die ukrainischen Kosaken
wurden vom Zarenreich unterdrückt. Im Verlaufe des Großen Nordischen
Krieges wandte die Armee Peters I. auf ukrainischem Territorium die
Taktik der "verbrannten Erde" an. Als Zeichen des Protestes gegen solch
ein ungerechtfertigtes Verhalten gegenüber seinem Volk gingen der
Hetman Ivan Mazepa und die Mehrheit seiner Kosaken zu den Schweden
über. Peter, der über diesen Verrat in Wut geriet, machte die Residenz
der Kosaken, Baturin, mitsamt Frauen und Kindern dem Erdboden gleich.
Außerdem exkommunizierte die Orthodoxe Kirche Mazepa.

Inden
folgenden Jahren und Jahrhunderten fiel der Hetman in der russischen
und sowjetischen Geschichtsschreibung dem Vergessen anheim. Deshalb war
es auch nach 1991 für die Mitarbeiter des Poltawa-Museums so schwierig,
ein Porträt des in Ungnade gefallenen Mazepa zu finden und auszustellen
(im ersten "Mazepa-Porträt", das man aus Schweden bekam, erkannten
Wissenschaftler einen litauischen Fürsten). Daraus ergab sich für die
moderne ukrainische Geschichtsschreibung die Frage, was die Schlacht
von Poltawa für die Ukraine bedeutet: Sieg oder Niederlage, Triumph
oder Tragödie? Und es musste die Frage beantwortet werden, wie das
Festprogramm zum 300-jährigen Jubiläum vorbereitet werden sollte.
Im
Zuge der eher politischen denn historischen Debatten wurde die
Entscheidung getroffen, das Jubiläum zu feiern – aber nicht als
Siegesfeier, sondern als Gedenkfeier für die Gefallenen. Man beschloss,
die Feiern auf regionaler statt auf staatlicher Ebene auszurichten,
weil der Partei des Präsidenten klar wurde, dass die Schlacht ein sehr
umstrittenes und heikles Thema sein würde und deshalb für staatliche
Erinnerungspolitik – also das Schaffen von nationaler Identität – nicht
geeignet wäre.
Vor zwei Jahren, als eine staatliche Kommission zur
Vorbereitung des Jubiläums geschaffen wurde, plante man die Feiern noch
groß und prachtvoll. Es wurde von Versöhnung gesprochen, von der
Teilnahme des schwedischen Königs und der Präsidenten Russlands und der
Ukraine an der Feier, über die Aufstellung von Denkmälern für Karl XII.
und Ivan Mazepa, die bisher von den Historikern übergangen wurden. Es
war die Rede davon, die Schlacht mithilfe von Gardetruppen zu
rekonstruieren. Dagegen jedoch wandten sich russische nationalistische
Organisationen und drohten damit, zur Feier anzureisen und die
"historische Gerechtigkeit" wiederherzustellen. Daraufhin wurden auch
die ukrainischen Nationalisten aktiv, welche die Schlacht von Poltawa
als eine Tragödie des ukrainischen Volkes betrachten. Damit entbrannten
nun eine Vielzahl von "Schlachten".
Innerhalb dieser zwei
Jahre verschlechterten sich die Beziehungen zwischen der Ukraine und
Russland wegen der "Gasfrage" und territorialer Ansprüche auf der Krim
rapide. Was das Verhältnis zu Russland, zur EU und zur NATO angeht,
kamen westliche und die östliche Ukraine nicht zu einer gemeinsamen
Position. Der Kampf zwischen den Parteien verstärkte sich nur noch,
frühere Gefährten der Revolution in Orange finden jetzt keine
gemeinsame Stimme mehr und werden zu Gegnern.
In Anbetracht all
dieser Faktoren, begann die Mannschaft des Präsidenten nicht mehr von
einer "Feier" sondern vom "festlichen Begehen" des historischen Datums
zu sprechen, dessen Nichtbeachtung Ignoranz von Staats wegen bedeuten
würde. Deshalb waren auf dem Festakt keine Persönlichkeiten "ersten
Ranges" zugegen, sondern nur ihre Vertreter. Die Rekonstruktion der
Schlacht wurde eilig vom örtlichen Theater vorbereitet.
So gestaltete sich die "grandiose Feierlichkeit" nicht national,
sondern regional.

Aber
auch auf dieser regionalen Ebene gab es zwischen der Stadt und der
Gebietsregierung einige Meinungsverschiedenheiten
verwaltungstechnischer Art, Einflusssphären und Zuständigkeiten konnten
nicht untereinander aufgeteilt werden. Leuchtendes Beispiel dafür war
die Episode mit der Büste Karls XII., einem Geschenk Schwedens zum
Jubiläum. Die Gebietsadministration, welche die Büste als humanitäre
Geste erhielt, erlaubte der Stadt nicht, sie auf ihrem Territorium
aufzustellen, zu dem auch das Schlachtfeld als historisches Denkmal
gehört. Nach langwierigen Debatten in der Presse wurde die Büste dann
"geräuschlos" im örtlichen Heimatmuseum aufgestellt.
Nichtsdestotrotz
begingen die Bewohner von Poltawa die historischen Ereignisse würdig.
Ungeachtet dessen, dass 60.000 Menschen das historische Schlachtfeld
besuchten und nationale Zugehörigkeiten und politische Positionen durch
Kleidung und Accessoires offen zur Schau gestellt wurden, gab es keine
größeren Konflikte. Sie waren auch gar nicht möglich – 878 Polizisten
sorgten für Ordnung während der gesamten Veranstaltung, auf den
Konzerten in der Stadt, bei der Eröffnung des Denkmal-Hains und bei der
Inszenierung der Schlacht. Außerdem setzten die unzähligen Stände mit
ukrainischen Speisen und Getränken die ausländischen Besucher ebenso in
Erstaunen, wie die für sie unverständlichen Feinheiten der slawischen
Sprachen. Wo letztlich der Unterschied zwischen "feiern" und "begehen"
besteht, konnten sie nicht verstehen und sie fragten sich: wenn man
hier ein Fest schon in dieser Art "begeht" – wie sieht es erst aus,
wenn man "feiert"?!
In all diesen politischen Kämpfen gewann letztlich die Stadt, denn in
ganz Europa erfuhr man von Poltawa, in der Stadt wurden neue Hotels und
Restaurants eröffnet und die Unternehmer verdienten am Jubiläum nach
Berechnungen des Bürgermeisters A. V. Matkovskij 200 Millionen Hryvnja.
Und obendrein ergaben sich viele neue Eindrücke und Freundschaften
nicht nur mit den Nachbarstaaten, sondern auch mit fernen Ländern.
Insofern scheint die Versöhnung nach 300 Jahren zustande gekommen zu
sein.
Auch erschienen bei to4ka-treff.de – ein Projekt der Stiftung
Deutsch-Russischer Jugendaustausch und der Goethe-Institute der Region
Osteuropa/Zentralasien: to4ka-treff