Politische Kämpfe um die Schlacht von Poltawa – 300 Jahre danach

Wie ein Schwede bei Poltawa

16.11.2009 10:54


In diesem Jahr fand sich die kleine ukrainische Stadt Poltawa im Zentrum der großen Politik wieder, und zwar im Zusammenhang mit dem 300-jährigen Jubiläum der Schlacht von Poltawa. Wie konnte es dazu kommen? Vor allem dadurch, dass überraschend um die historische Schlacht politische Kämpfe auf verschiedensten Ebenen geführt wurden – auf nationaler (zwischen Russland und der Ukraine), auf regionaler (zwischen der West- und der Ostukraine), parteipolitischer (zwischen dem Block des Präsidenten und dem Block von Julia Timoschenko) und auf verwaltungstechnischer Ebene (zwischen der Gebiets- und der städtischen Administration).

(c) Malte Liewerscheidt

Schauen wir aber zunächst kurz ins Geschichtsbuch: Das 100-jährige Jubiläum der Schlacht wurde kaum gefeiert, weil in Russland weder moralische noch materielle Ressourcen dafür zur Verfügung standen – man befand sich im Krieg mit Napoleon. Erst 1811 wurde im Zentrum der Stadt ein Denkmal enthüllt. Dafür wurde das 200-jährige Jubiläum prächtig und groß begangen: An diesem Tag wurden von den Russen auf dem Schlachtfeld auch alle wichtigen Denkmäler errichtet (für den Oberst A. Kelin, für Peter I., für die gefallenen Schweden und das Museum zur Schlacht), während von schwedischer Seite ein Monument auf dem Grab schwedischer Gefallener erbaut wurde.

Solch eine großangelegte und effektvolle Feier des russischen Sieges und der Stärke der russischen Armee war unbedingt nötig, um den Kampfgeist der Soldaten zu erhöhen, die noch müde von der Niederlage im russisch-japanischen Krieg waren. Selbst der Zar reiste extra an. Und auch der 250. Jahrestag, der in die "Tauwetter"-Periode unter Chruschtschow fiel, wurde mit Salutschüssen und einem Feuerwerk begangen. Damals, zur Zarenzeit und in der Sowjetunion, war noch alles eindeutig – ein Land und ein Sieg, den es zu feiern galt.

Nach 1991 änderte sich die Situation, denn ein neuer Staat betrat die politische Arena: eine unabhängige Ukraine mit eigener nationaler Idee und einem eigenen Selbstbildnis. Während sich Russland für den Sieger der Schlacht und damit auch für den Befreier der Ukraine hält, kommt die ukrainische Geschichtsschreibung zu einem anderen Schluss: Die ukrainischen Kosaken wurden vom Zarenreich unterdrückt. Im Verlaufe des Großen Nordischen Krieges wandte die Armee Peters I. auf ukrainischem Territorium die Taktik der "verbrannten Erde" an. Als Zeichen des Protestes gegen solch ein ungerechtfertigtes Verhalten gegenüber seinem Volk gingen der Hetman Ivan Mazepa und die Mehrheit seiner Kosaken zu den Schweden über. Peter, der über diesen Verrat in Wut geriet, machte die Residenz der Kosaken, Baturin, mitsamt Frauen und Kindern dem Erdboden gleich. Außerdem exkommunizierte die Orthodoxe Kirche Mazepa. (c) Malte Liewerscheidt

Inden folgenden Jahren und Jahrhunderten fiel der Hetman in der russischen und sowjetischen Geschichtsschreibung dem Vergessen anheim. Deshalb war es auch nach 1991 für die Mitarbeiter des Poltawa-Museums so schwierig, ein Porträt des in Ungnade gefallenen Mazepa zu finden und auszustellen (im ersten "Mazepa-Porträt", das man aus Schweden bekam, erkannten Wissenschaftler einen litauischen Fürsten). Daraus ergab sich für die moderne ukrainische Geschichtsschreibung die Frage, was die Schlacht von Poltawa für die Ukraine bedeutet: Sieg oder Niederlage, Triumph oder Tragödie? Und es musste die Frage beantwortet werden, wie das Festprogramm zum 300-jährigen Jubiläum vorbereitet werden sollte.

Im Zuge der eher politischen denn historischen Debatten wurde die Entscheidung getroffen, das Jubiläum zu feiern – aber nicht als Siegesfeier, sondern als Gedenkfeier für die Gefallenen. Man beschloss, die Feiern auf regionaler statt auf staatlicher Ebene auszurichten, weil der Partei des Präsidenten klar wurde, dass die Schlacht ein sehr umstrittenes und heikles Thema sein würde und deshalb für staatliche Erinnerungspolitik – also das Schaffen von nationaler Identität – nicht geeignet wäre.

Vor zwei Jahren, als eine staatliche Kommission zur Vorbereitung des Jubiläums geschaffen wurde, plante man die Feiern noch groß und prachtvoll. Es wurde von Versöhnung gesprochen, von der Teilnahme des schwedischen Königs und der Präsidenten Russlands und der Ukraine an der Feier, über die Aufstellung von Denkmälern für Karl XII. und Ivan Mazepa, die bisher von den Historikern übergangen wurden. Es war die Rede davon, die Schlacht mithilfe von Gardetruppen zu rekonstruieren. Dagegen jedoch wandten sich russische nationalistische Organisationen und drohten damit, zur Feier anzureisen und die "historische Gerechtigkeit" wiederherzustellen. Daraufhin wurden auch die ukrainischen Nationalisten aktiv, welche die Schlacht von Poltawa als eine Tragödie des ukrainischen Volkes betrachten. Damit entbrannten nun eine Vielzahl von "Schlachten".

Innerhalb dieser zwei Jahre verschlechterten sich die Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland wegen der "Gasfrage" und territorialer Ansprüche auf der Krim rapide. Was das Verhältnis zu Russland, zur EU und zur NATO angeht, kamen westliche und die östliche Ukraine nicht zu einer gemeinsamen Position. Der Kampf zwischen den Parteien verstärkte sich nur noch, frühere Gefährten der Revolution in Orange finden jetzt keine gemeinsame Stimme mehr und werden zu Gegnern.

In Anbetracht all dieser Faktoren, begann die Mannschaft des Präsidenten nicht mehr von einer "Feier" sondern vom "festlichen Begehen" des historischen Datums zu sprechen, dessen Nichtbeachtung Ignoranz von Staats wegen bedeuten würde. Deshalb waren auf dem Festakt keine Persönlichkeiten "ersten Ranges" zugegen, sondern nur ihre Vertreter. Die Rekonstruktion der Schlacht wurde eilig vom örtlichen Theater vorbereitet. So gestaltete sich die "grandiose Feierlichkeit" nicht national, sondern regional.
(c) Romea Kliewer
Aber auch auf dieser regionalen Ebene gab es zwischen der Stadt und der Gebietsregierung einige Meinungsverschiedenheiten verwaltungstechnischer Art, Einflusssphären und Zuständigkeiten konnten nicht untereinander aufgeteilt werden. Leuchtendes Beispiel dafür war die Episode mit der Büste Karls XII., einem Geschenk Schwedens zum Jubiläum. Die Gebietsadministration, welche die Büste als humanitäre Geste erhielt, erlaubte der Stadt nicht, sie auf ihrem Territorium aufzustellen, zu dem auch das Schlachtfeld als historisches Denkmal gehört. Nach langwierigen Debatten in der Presse wurde die Büste dann "geräuschlos" im örtlichen Heimatmuseum aufgestellt.

Nichtsdestotrotz begingen die Bewohner von Poltawa die historischen Ereignisse würdig. Ungeachtet dessen, dass 60.000 Menschen das historische Schlachtfeld besuchten und nationale Zugehörigkeiten und politische Positionen durch Kleidung und Accessoires offen zur Schau gestellt wurden, gab es keine größeren Konflikte. Sie waren auch gar nicht möglich – 878 Polizisten sorgten für Ordnung während der gesamten Veranstaltung, auf den Konzerten in der Stadt, bei der Eröffnung des Denkmal-Hains und bei der Inszenierung der Schlacht. Außerdem setzten die unzähligen Stände mit ukrainischen Speisen und Getränken die ausländischen Besucher ebenso in Erstaunen, wie die für sie unverständlichen Feinheiten der slawischen Sprachen. Wo letztlich der Unterschied zwischen "feiern" und "begehen" besteht, konnten sie nicht verstehen und sie fragten sich: wenn man hier ein Fest schon in dieser Art "begeht" – wie sieht es erst aus, wenn man "feiert"?!

In all diesen politischen Kämpfen gewann letztlich die Stadt, denn in ganz Europa erfuhr man von Poltawa, in der Stadt wurden neue Hotels und Restaurants eröffnet und die Unternehmer verdienten am Jubiläum nach Berechnungen des Bürgermeisters A. V. Matkovskij 200 Millionen Hryvnja. Und obendrein ergaben sich viele neue Eindrücke und Freundschaften nicht nur mit den Nachbarstaaten, sondern auch mit fernen Ländern. Insofern scheint die Versöhnung nach 300 Jahren zustande gekommen zu sein.

 

Elena Kobzar
arbeitet als Dozentin für Deutsche Sprache und freut sich, dass ukrainische Studenten heute an internationalen Projekten teilnehmen und die Möglichkeiten nutzen können, die sich im Bereich der Forschung seit der Unabhängigkeit der Ukraine aufgetan haben.

Auch erschienen bei to4ka-treff.de – ein Projekt der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch und der Goethe-Institute der Region Osteuropa/Zentralasien: to4ka-treff

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